Kampf des Geschlechts – oder: Der Feminismus ist ein Humanismus

Ich habe früher schon ab und zu die These formuliert, dass der grösste Feind der Frauenbewegung nicht die Männer sind, sondern die Frauen unter sich (die Strukturen möchte ich hier mal aussenvorlassen, die müssen geändert werden, später dazu mehr). Ich wurde oft schräg angeschaut.

Ich habe gerade das erste Buch von Alice Schwarzers Autobiographie gelesen: «Lebenslauf»*. Ein beeindruckendes Buch, eine inspirierende Frau, eine grossartige Frau in ihrer unbeirrten Art, ihren Weg zu gehen, allen Widernissen zum Trotz. Eine mutige und eine starke Frau, die aufzeigt, was möglich ist, wenn man für eine Sache brennt. Ich kann das Buch nur empfehlen, doch darum geht es nicht, sondern um einen Teil daraus.

Alice Schwarzer hatte zu kämpfen. Sie wurde diffamiert, sie wurde diskriminiert – alles, weil sie als Frau für Frauenthemen einstand. Männliche Journalisten»kollegen» wurden nicht müde, sie optisch zu beleidigen (dabei war/ist sie eine wirklich schöne Frau, wie ich finde), ihr Scharf- und Durchblick abzusprechen (wie könnte jemand, der den gängigen Meinungen widerspricht und an den selbst gefährdeten Stühlen sägt, welchen haben?) und ihr sogar ihr Frausein streitig zu machen (wie könnte so jemand eine richtige Frau sein – die hatte wohl nie einen Mann, sollte endlich mal einen richtigen haben). Nun ist das schon schlimm genug, dass ein Mensch das aushalten muss und es auch aushält um der Sache Willen, bedarf der Hochachtung. ABER: Es kommt noch schlimmer.

Anfeindungen kamen auch aus den eigenen Reihen. Institutionen von und für Frauen riefen zum Boykott auf, die Emma solle nicht gelesen werden, sie sei nicht das wirkliche Organ, Alice Schwarzer nur Selbstdarstellerin und vor allem: Kapitalistin. Die Begründung dafür schlägt alles: Sie wagte es, den schreibenden Frauen einen Lohn zu zahlen. Das soll gegen sie vorgebracht worden sein. Von Frauen.

Es wundert mich nicht. Frauen sind einander oft der ärgste Feind. Sie werden damit nicht geboren, sondern durch unsere Gesellschaftsstruktur dazu gebracht. In einem patriarchalen System will und muss (so denkt man) Männern gefallen, um überhaupt eine Chance zu haben. Man möchte es lieber auf gefällige Weise tun und schlägt dann gerne ins Horn der Männer, um nicht auch von ihnen angegriffen und abgewertet zu werden. Und: Wenn man die andere abwertet, steigt der eigene Wert. Denkt man wohl. Wie sehr man damit der Sache schadet, für die man eigentlich vorgibt, einstehen zu wollen.

Feminismus heisst immer, für eine gerechtere Welt einzustehen. Es bedeutet, aktiv dafür zu kämpfen, dass Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht (und Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexueller Ausrichtung, etc. im Sinne einer Intersektionalität, was der Feminismus immer sein sollte) gleiche Rechte und Chancen haben, vor allem aber die Freiheit, zu sein und zu tun, was ihnen entspricht. Nun gibt es nicht den einen Feminismus, es gibt ganz viele Schattierungen mit unterschiedlichen Ansätzen. Doch alle haben sie das gleiche Ziel.

Ginge es nicht mehr darum, dieses eine Ziel gemeinsam zu verfolgen, statt sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen wegen unterschiedlicher Ansätze und Methoden? Wäre nicht ein offener Dialog sinnvoller Angriffe und Diffamierungen? Wo blieb das Wissen, dass man gemeinsam stark ist? Wieso herrscht so wenig Solidarität im Sinne einer gemeinsamen Sache und so viel Feindschaft und gar Aggression gegen Menschen und Meinungen?

Wir haben alle das gleiche Schicksal: Wir werden in eine Welt und in ein Leben geworfen, das wir uns nicht ausgesucht haben. Einige haben Privilegien, andere nicht, einige mehr davon, andere weniger. Alle hat selten einer. Wäre es nicht an der Zeit, einzusehen, dass wir gemeinsam eine Welt schaffen müssen, in welcher alle als das leben dürfen, was sie sind: Menschen unter Menschen?

In diesem Sinne wäre der Feminismus ein Humanismus, in diesem Sinne könnte es gelingen, gemeinsam für dieses eine Ziel einzustehen, das wir uns wohl insgeheim alle wünschen als Menschen, die sich Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben haben und antreten wollen, Unrecht aus der Welt zu schaffen.

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*Buchtipp: Alice Schwarzer: Lebenslauf

Was gehört sich für ein Mädchen?

Nach langer Zeit der impliziten und auch expliziten Verweigerung habe ich mich in der letzten Zeit mehr und mehr dem Feminismus zugewandt, lange mehr am Rand mit immer stärker wachsendem Wunsch, tiefer zu tauchen. Ich merkte beim Lesen immer wieder, wie viel mich verbindet mit der Thematik, bei wie vielen Gelegenheiten ich mich erkannte, zustimmend nickte, betroffen schluckte. Was ich früher in geselliger Runde gerne belächelte und mit markigen Sprüchen bedachte, die Vehemenz, die ich teilweise dagegen führte, sie waren geschwunden und einer betretenen Erkenntnis gewichen: Das geht mich was an, das trifft mich tief drin, ich darf nicht wegschauen. Nicht bei mir und nicht da draussen.

Was ich tief drin fühle und wichtig und richtig finde, was ich nach aussen vertreten will, weil nur so ein Beitrag zu dem geleistet werden kann zu einer Sache, die notwendig ist, wollte ich bekennen. Auf die Fahnen Feminismus schreiben. Und ich zögerte. Ich wich auf Intersektionalität aus, da ich fand (und durchaus immer noch finde), dass es darum geht, Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen zu thematisieren. Ich weitete gar zum Humanismus und zur Existenzphilosophie aus, da es ja schlussendlich Ziel sein muss, den Menschen zuerst mal als Existenz ohne Zuschreibungen zu sehen, um ihn dann als je eigenes Wesen würdevoll zu behandeln. Ich ging noch weiter und landete bei der sozialen Gerechtigkeit, damit natürlich wieder im Bereich dessen, was ich über Jahre studiert habe und worauf ich spezialisiert war.

Alles war gut, nur der Begriff Feminismus wollte mir nicht aus den Fingern fliessen. Ich hatte so viele Bedenken im Kopf: «Was werden die anderen denken?», «Man wird mich nicht mehr mögen.», «Man wird mich belächeln.», «Man wird mich abstempeln.», «Man kann mich angreifen.» Durch diese positionierung fürchtete ich, auf eine Weise sichtbar zu werden, die nicht gefällig war, die polarisierte, die auffiel. Alles, was ich von klein auf gelernt hatte, dass ich das vermeiden sollte, vor allem als Mädchen. Gut und richtig war ich, wenn keiner merkte, dass ich da war, weil ich nicht auffiel. Vor allem nicht negativ Genügt habe ich, wenn ich mustergültig still und unhörbar und unsichtbar war. Nur dann artig antwortend, wenn ich gefragt wurde. Und natürlich musste es die (von aussen so definiert) richtige Antwort war.

Zu merken, wie tief diese Muster und Vorgaben sitzen, hat mich erschüttert. Nicht, dass ich es nicht geahnt hatte, es fiel mir immer wieder auf. Und hier wieder ganz bewusst. Wie oft hatte ich im Leben gefallen wollen, wie oft Ungerechtigkeit geschluckt. Wie oft habe ich geschwiegen bei anzüglichen Bemerkungen und Abwertungen, wie oft wurde ich um eine Chance gebracht, nur weil ich eine Frau war (explizit). Und immer hatte ich gelächelt, habe ich nachgegeben, meinen zugewiesenen Platz wieder eingenommen. Wie oft habe ich klein beigegeben, bin nicht hingestanden und habe gekämpft. Um des lieben Friedens willens.

Wie lange soll ich noch so weiter machen? Ist der Preis nicht zu hoch gewesen all die Jahre? Hat mir irgendjemand diese Resignation gedankt? Mir die Wunden lecken geholfen? Wie oft hörte ich bei einem kleinen Versuch des Aufbegehrens, ich soll mich nicht so haben, ein wenig Spass verstehen, sei alles nicht so ernst gemeint. Aber he: Es war abwertend, sexistisch, verachtend. Es war unterdrückend, unfair und Grenzen überschreitend. Es war nicht richtig. Und es darf nicht immer so weiter gehen. Für niemanden. Auch nicht für mich.

Leider ist es nicht so, dass ich nun, nachdem ich das alles aufgeschrieben habe, hingehen und mir überall auf die Fahnen schreiben kann, ich sei eine Feministin. Zu tief sind meine Prägungen, meine Ängste. Aber ich schaue hin, sehe sie, gehe sie an. In Schritten. Einer davon ist, über meine Erkenntnisse zu schreiben. Das hilft mir einerseits, mir noch klarer darüber zu werden, was in mir vorgeht, und bringt andererseits die Chance mit sich, dass sich jemand auch angesprochen fühlt und vielleicht einen Teil des Weges mitgeht oder selber einen Weg für sich erkennt.