Kräftespiel

In schwarzen Klüften steigt der Fels hinab
Zum tosend blauen Meer. Er ist der Stein
Des Widerstands, der Stein, der Wasser trennt
Und es dann zwängt zu wellenweisser Wand.

Was oben weicht, zurück sich zieht, das spielt
Ein Spiel im Untermeer – mit Wellenwogen,
hin und her. Es schleift mit stetigem Durchstreifen
Von den Kanten alle Grate, macht sie

Sanft und mild und glatt. Was stark aufragend
Kraft ausstrahlte, liegt im Dunkeln weich
gespült. Das Wasser sieht sich nie als schwach,

es will nie Rache üben, lebt nur schlicht,
was ihm gegeben, lebt sein Leben, spielt
sein Spiel, und lässt auch andre spielend leben.

©Sandra von Siebenthal

Wetterumschwung

Blätter tanzen sanft im Wind, sie hören
wohl die Himmelstöne leise spielen,
geben sich dem zärtlich hin und leben
damit unbeschwerte Ewigkeiten.

Strahlenhelles Sonnengleissen lässt die
Glitzerplättchen schimmernd schweifen,
Vögel singen, jubilieren, feiern
diese freudentollen Festmomente.

Hinter fernen Hügelketten hangen
graue Wolkenbetten, tragen in sich
alles Dunkle, dem wir beide bis vor

kurzem hilflos ausgeliefert waren.
Diese heut’gen Lichterreigen bringen
Hoffnung und vor allem Dankbarkeiten!

©Sandra von Siebenthal, Mai 2021

Vergänglichkeit

Ich hab’ ein Schloss aus Luft gebaut,
ich stellte es auf Sand.
Dann hat es Zephyr weggehaucht,
als er zog übers Land.

Bäume wogen, Blätter fallen,
langsam neigt die Zeit
sich mit sonnigem Aufwallen
und der Winter ist nicht weit.

Alles fällt und nichts besteht,
das ist des Lebens Kreis.
Doch immer, wenn das Alte geht,
ein Neues steht bereit.

©Sandra von Siebenthal, 24. Juli 2021

Wäsche waschen

Ich hänge meine Hosen seilelang dem
Wind entgegen, seh sie schweifen, schweben,
vogelfrei zum Himmel streben, fast wie
nicht von dieser Welt, schon ihr enthoben.

Seh’ sie flattern, seh’ sie treiben, seh’ sie
Hin zum Himmel greifen, sie die sonst
An meinen Beinen erdenfest am Boden
Kleben, da verweilen, manchmal eilen.

Sind sie nicht den Träumen gleich, die durch die
Lüfte ziehen? Sind sie nicht den Wünschen
Nah, die wir vom Leben weben, hoffen,

dass Hekate spricht und sie dem
Leben übergebe zur Erfüllung
Hier und jetzt, nicht einfach irgendwann?

©Sandra von Siebenthal

Moll und Dur

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
spielt in Dur und auch in Moll.
Ich könnt’ euch dieses Lied zwar singen:
was es wohl bedeuten soll?

Gibt den Klang der Zeiten wieder,
als der Menschen Lebenslieder;
klingt so in die Welt hinaus
und tritt ein in jedes Haus.

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
manchmal sonnenklar und schön,
singt von Tiefen und Misslingen,
nicht nur blossen Lebenshöh’n.

So scheint das Glück ein selten Wesen,
Dur in Liedern handverlesen,
Verse fliessen oft in Moll,
nur beides macht das Leben voll.

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
sendet Freude und auch Trost,
wer immer mag, fängt an zu singen,
und wird schon dadurch leiderlöst.

©Sandra von Siebenthal, 15. Juli 2021

Das Gesicht wahren

Grillen zirpen zirrilierend, stellen
ihre Flügel auf. Sie zeigen eifrig
ihr Begehren, nehmen dazu gern
in Kauf von allen, auch von völlig Fremden,

So gehört zu werden; nehmen gerne
auch in Kauf, dass and’re sich dran stören,
Ruhe wünschen, sie auslachen ob
Der just entfachten, jubelschwang’ren Lust.

Wäre ich doch auch so mutig, wäre
ich doch auch so frei, und könnte die
Gefühle zeigen, wie sie sind, und nicht

mich schämen, weil ich fürchte, anzustehen,
statt Erhören, Spott zu ernten und drum
mein Begehren still in mich zu kehren.

©Sandra von Siebenthal