Alte weisse Frau

Ich bin ein Unmensch. Der zweitgrösste im System. Ich bin zwar eine Frau und damit eigentlich eine Unterdrückte im patriarchalischen System, aber ich bin weiss. Und damit bin ich nach dem alten weissen Mann die zweitgrösste Unterdrückerin und Rassistin. Allein meine Hautfarbe macht mich dazu. Der Rassismus ist mir durch die Geschichte und die mir gehörenden Privilegien, als weisse Frau in einem Land wie der Schweiz leben zu können, eingeschrieben. Wenn ich behaupte, nicht rassistisch zu sein, sondern im Gegenteil sogar gegen Rassismus zu schreiben, mich einzusetzen, ignoriere ich nur die Fakten, heisst es. Ich schaue nicht hin. Und ich habe mich nicht genug informiert.

Da sitze ich nun mit dem Stigma «weisse Frau» und frage mich, ob das nicht auch eine Form des Rassismus ist: Ich werde nicht als Individuum wahrgenommen und bewertet, sondern als Teil einer Gruppe schubladisiert und angeprangert. Aber auch darauf haben die selbsternannten Kämpferinnen (es sind mehrheitlich, wenn nicht fast ausschliesslich Frauen) eine Antwort: Es kann kein Rassismus sein, da ich nicht auf eine Jahrhunderte alte Geschichte der Unterdrückung zurückblicken kann. Ich war durch die Geschichte hinweg als weisser Mensch immer privilegiert. Den Feminismus, die Unterdrückung der Frau ignorieren wir nun mal, denn das ist zweitrangig. Ich bin in meinem Opferstatus – wir sind alle per se definierte Opfer – weniger wert als eine schwarze Frau. Es steht mir nicht zu, auf Missstände hinzuweisen, die ich in der Gesellschaft sehe, da diese allesamt viel weniger ins Gewicht fallen als die, mit welchen schwarze Menschen, allen voran schwarze Frauen zu kämpfen haben.

Nun möchte ich keineswegs behaupten, es gäbe keinen Rassismus und es gäbe keine Menschen, die ihn am eigenen Leib auf grausamste Weise erfahren müssen. Er existiert und jeder Fall ist einer zu viel. Auch sitzt er sicher in vielen Köpfen fest, manifestiert sich in deutlichen und weniger deutlichen Zeichen. Dass dies thematisiert werden muss, steht ausser Frage. Es steht auch ausser Frage, dass wir hinschauen müssen als Nicht-Betroffene und zuhören müssen, wenn Betroffene davon erzählen. Sie müssen eine Stimme haben und gehört werden. In meinen Augen wäre es sinnvoll, wenn wir dann gemeinsam hinstehen und etwas dagegen tun würden. Ich bin der Überzeugung, dass man mit vereinten Kräften mehr erreicht als allein, dass man mit Blick auf das Verbindende statt immer auf das Trennende weiter kommt auf dem Weg hin zu einer (sozial) gerechten Welt.

Nun gibt es im Netz auch Stimmen, die finden, ich hätte gefälligst zu schweigen zu Rassimus, da er mich nicht betreffe. Ich müsste mich – so diese Stimmen – still und voll Scham über meine Hautfarbe und Schuld wegen meiner Herkunft in die Ecke setzen und reuig die Anschuldigungen anhören. Ich müsse mich entschuldigen dafür, dass ich weiss bin und damit Teil eines unterdrückenden Systems. Das allerdings werde ich nicht tun. Ich bin in diese Welt geworfen worden wie jeder andere Mensch auch. Ich habe mir weder Herkunft noch Hautfarbe ausgesucht, habe versucht, mit allem, was ich kann, bin und will, ein guter Mensch zu sein. Ich habe mich für Gerechtigkeit eingesetzt, stehe hin, wenn ich Unrecht sehe, helfe, wenn ich kann. Es ist sicher so, dass auch mir Fehler unterlaufen sind, dass auch ich unsensibel gehandelt oder gesprochen habe. Ich bin froh, wenn man mich darauf aufmerksam macht, ich lerne gerne dazu. Ich schätze den offenen Dialog, höre gerne andere Argumente, prüfe sie, ändere meine, wenn ich mich im Irrtum sehe. Ich möchte das gleiche Recht aber auch haben.

Ich wünsche mir eine Welt von Menschen unter Menschen. Ich möchte eine Welt, in der jedes Individuum gesehen wird, wie er ist, nicht was er ist. Wir alle haben uns nicht ausgesucht, wo und womit wir auf die Welt kamen, wir haben es dann aber – mehr oder minder – in der Hand, der zu werden, der wir sein wollen. Wir sind in erster Linie nicht weiss, schwarz, schwul, Frau, Mann oder Juden, wir sind in erster Linie existierende Wesen, Menschen. Würden wir uns als das begegnen, müssten ganz viele Kämpfe wohl nicht ausgefochten werden.

Nun weiss ich auch, dass wir davon weit entfernt sind. Nur: Wir werden nie dahin kommen, wenn wir immer wieder neue Fronten aufmachen, wenn wir neue Gegensätze bilden, wenn wir uns gegen immer wieder andere abgrenzen. Das Verbindende wird uns zu Menschen unter Menschen machen, nicht das Trennende. Im Wissen, dass die Energie immer der Aufmerksamkeit folgt, sollten wir unseren Fokus darauf legen.

Kampf des Geschlechts – oder: Der Feminismus ist ein Humanismus

Ich habe früher schon ab und zu die These formuliert, dass der grösste Feind der Frauenbewegung nicht die Männer sind, sondern die Frauen unter sich (die Strukturen möchte ich hier mal aussenvorlassen, die müssen geändert werden, später dazu mehr). Ich wurde oft schräg angeschaut.

Ich habe gerade das erste Buch von Alice Schwarzers Autobiographie gelesen: «Lebenslauf»*. Ein beeindruckendes Buch, eine inspirierende Frau, eine grossartige Frau in ihrer unbeirrten Art, ihren Weg zu gehen, allen Widernissen zum Trotz. Eine mutige und eine starke Frau, die aufzeigt, was möglich ist, wenn man für eine Sache brennt. Ich kann das Buch nur empfehlen, doch darum geht es nicht, sondern um einen Teil daraus.

Alice Schwarzer hatte zu kämpfen. Sie wurde diffamiert, sie wurde diskriminiert – alles, weil sie als Frau für Frauenthemen einstand. Männliche Journalisten»kollegen» wurden nicht müde, sie optisch zu beleidigen (dabei war/ist sie eine wirklich schöne Frau, wie ich finde), ihr Scharf- und Durchblick abzusprechen (wie könnte jemand, der den gängigen Meinungen widerspricht und an den selbst gefährdeten Stühlen sägt, welchen haben?) und ihr sogar ihr Frausein streitig zu machen (wie könnte so jemand eine richtige Frau sein – die hatte wohl nie einen Mann, sollte endlich mal einen richtigen haben). Nun ist das schon schlimm genug, dass ein Mensch das aushalten muss und es auch aushält um der Sache Willen, bedarf der Hochachtung. ABER: Es kommt noch schlimmer.

Anfeindungen kamen auch aus den eigenen Reihen. Institutionen von und für Frauen riefen zum Boykott auf, die Emma solle nicht gelesen werden, sie sei nicht das wirkliche Organ, Alice Schwarzer nur Selbstdarstellerin und vor allem: Kapitalistin. Die Begründung dafür schlägt alles: Sie wagte es, den schreibenden Frauen einen Lohn zu zahlen. Das soll gegen sie vorgebracht worden sein. Von Frauen.

Es wundert mich nicht. Frauen sind einander oft der ärgste Feind. Sie werden damit nicht geboren, sondern durch unsere Gesellschaftsstruktur dazu gebracht. In einem patriarchalen System will und muss (so denkt man) Männern gefallen, um überhaupt eine Chance zu haben. Man möchte es lieber auf gefällige Weise tun und schlägt dann gerne ins Horn der Männer, um nicht auch von ihnen angegriffen und abgewertet zu werden. Und: Wenn man die andere abwertet, steigt der eigene Wert. Denkt man wohl. Wie sehr man damit der Sache schadet, für die man eigentlich vorgibt, einstehen zu wollen.

Feminismus heisst immer, für eine gerechtere Welt einzustehen. Es bedeutet, aktiv dafür zu kämpfen, dass Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht (und Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexueller Ausrichtung, etc. im Sinne einer Intersektionalität, was der Feminismus immer sein sollte) gleiche Rechte und Chancen haben, vor allem aber die Freiheit, zu sein und zu tun, was ihnen entspricht. Nun gibt es nicht den einen Feminismus, es gibt ganz viele Schattierungen mit unterschiedlichen Ansätzen. Doch alle haben sie das gleiche Ziel.

Ginge es nicht mehr darum, dieses eine Ziel gemeinsam zu verfolgen, statt sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen wegen unterschiedlicher Ansätze und Methoden? Wäre nicht ein offener Dialog sinnvoller Angriffe und Diffamierungen? Wo blieb das Wissen, dass man gemeinsam stark ist? Wieso herrscht so wenig Solidarität im Sinne einer gemeinsamen Sache und so viel Feindschaft und gar Aggression gegen Menschen und Meinungen?

Wir haben alle das gleiche Schicksal: Wir werden in eine Welt und in ein Leben geworfen, das wir uns nicht ausgesucht haben. Einige haben Privilegien, andere nicht, einige mehr davon, andere weniger. Alle hat selten einer. Wäre es nicht an der Zeit, einzusehen, dass wir gemeinsam eine Welt schaffen müssen, in welcher alle als das leben dürfen, was sie sind: Menschen unter Menschen?

In diesem Sinne wäre der Feminismus ein Humanismus, in diesem Sinne könnte es gelingen, gemeinsam für dieses eine Ziel einzustehen, das wir uns wohl insgeheim alle wünschen als Menschen, die sich Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben haben und antreten wollen, Unrecht aus der Welt zu schaffen.

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*Buchtipp: Alice Schwarzer: Lebenslauf

Frauen in der Literatur – Literaturliste Deutsch für die Schweizerische Maturitätsprüfung

Ich habe hier ja schon einige Male angedeutet, dass mich das Thema Frauen in der Literatur beschäftigt. Ich war nie ein Mensch, der fand, man müsse ein Geschlecht in einer Form hervorheben, im Gegenteil, mir schwebte eher ein Blick auf den Menschen als Menschen vor, da ich nur in diesem eine Möglichkeit eines Miteinanders sehe. Das ist so geblieben, und doch merke ich immer wieder, dass es wohl nicht reicht. Zwar soll es wirklich kein Gegeneinander der Geschlechter geben, aber gerade in der Literatur sticht der unterschiedliche Blick auf die Autoren und Autorinnen ins Auge. 

Mein Studium war von männlichen Professoren, welche männliche Autoren behandelten, bevölkert. Sowohl in Schule als auch im Studium gab es, wenn überhaupt, eine Autorin, welche behandelt wurde: Annette Droste-Hülshoff. Sicher keine schlechte Wahl, aber doch. Der Literaturkanon, den ich im Studium lesen musste für die Zwischenprüfung, war zu einem grossen Teil männlich. Und das hat leider nicht gross geändert. Ich war gestern in einem neuen Gymnasium, einem Gymnasium, dass vom Unterrichtsstil und der Haltung sehr fortschrittlich ist. Ich steuerte gewohnheitsmässig auf das Bücherregal zu und: Keine einzige Frau im Regal, auch bei den neuen Büchern nicht. Da die Klassiker erst ab dem 19. Jahrhundert auch Frauen beinhalten, könnte ich es da noch verstehen, aber bei den neuen? Beim Blick durch den Literaturkanon der Schule kam heraus, dass bei 127 Autoren 20 Frauen waren. 

Ich möchte nicht aufhören, Männer zu lesen, ihre Bücher zu lieben. Es gibt grossartige männliche Autoren, solche, die ich bewundere, von denen ich alles lese – alte und neue. So werde ich immer Thomas Mann lesen, Rainer Maria Rilke ist der Stern an meinem Lyrikhimmel, von Bernhard Schlink will ich jedes neue Buch haben, das rauskommt, aber auch Theodor Fontane, Arthur Schnitzler, Fjodor Dostojewski und viele mehr werden immer einen wichtigen Platz in meinem Leben und Lesen haben. Sie plötzlich auszublenden, zur Seite zu legen, käme mir nicht nur falsch vor, es würde mir auch einen grossen Teil meiner Lesefreude nehmen. Bücher müssen für mich nach wie vor zuerst gut sein. Da kommt es nicht drauf an, ob sie von einem Mann oder von einer Frau geschrieben werden. Daneben möchte ich den Blick vermehrt auf die Frauen lenken. Für mehr Aufmerksamkeit.

Ruth Klüger schrieb mal ein Buch darüber, wie Frauen schreiben. Vom Stil und von der Qualität her kaum anders als Männer, aber: Während bei Männern oft Frauen Protagonistinnen sind (Anna Karenina, Madame Bovary, Effi Briest, etc.) und diese durchaus auch stimmig und authentisch beschrieben werden, schreibt eine Frau doch mehr von innen und geht damit auf andere Themen im Frausein ein, als es ein Mann tun würde. Das kann vor allem für lesende Frauen ansprechend sein, sind Literaturwelten doch immer mögliche Lebenswelten, Welten, in welchen Menschen ihren Weg, mit dem Leben umzugehen, gehen, der dann auch für den Leser, die Leserin neue Möglichkeiten aufzeigen kann.

Marcel Reich-Ranicki gab zu dem Thema einen Gedichtband heraus: Frauen dichten anders. Auch dem stimme ich zu. Es ist ein anderer Blick auf die Welt, wenn er von Frauen oder Männern kommt. Und ich denke, das ist gut so und darf so bleiben. Die Welt ist vielfältig und sie erschliesst sich keinem allein. Gerade auch aus diesem Grund finde ich es wichtig, dass alle Blickrichtungen präsent sind und die Aufmerksamkeit kriegen, die sie verdienen. Dem möchte ich mich vermehrt widmen.

An dieser Stelle noch ein paar für mich inspirierende Frauen:

  • Simone de Beauvoir – ich mag ihre selbstreflexive, entschlossene Weise, das Leben anzugehen und darüber zu schreiben
  • Hannah Arendt – ich mag ihr sprichwörtliches Denken ohne Geländer, den unbeugsamen Blick auf das, was ist
  • Ingeborg Bachmann – ich mag ihr Ringen mit den Worten und dem Leben, dem unbändigen Wunsch zu schreiben und die Qualitätsansprüche, die sie an das Schreiben hat
  • Susan Sontag – ich mag ihre grosse Liebe für die Kunst und den differenzierten Blick darauf
  • Hilde Domin – ich mag ihren unermüdlichen Einsatz für die Lyrik und ihre eigene Lyrik
  • Mascha Kaléko – ich mag ihre melancholische Sicht auf die Welt und ihre Weise, diese in Worte zu fassen
  • Eva Strittmatter – ich mag ihre Gedichte, die von viel Tiefe, Menschlichkeit und sensible Sicht auf das Zwischenmenschliche

Was gehört sich für ein Mädchen?

Nach langer Zeit der impliziten und auch expliziten Verweigerung habe ich mich in der letzten Zeit mehr und mehr dem Feminismus zugewandt, lange mehr am Rand mit immer stärker wachsendem Wunsch, tiefer zu tauchen. Ich merkte beim Lesen immer wieder, wie viel mich verbindet mit der Thematik, bei wie vielen Gelegenheiten ich mich erkannte, zustimmend nickte, betroffen schluckte. Was ich früher in geselliger Runde gerne belächelte und mit markigen Sprüchen bedachte, die Vehemenz, die ich teilweise dagegen führte, sie waren geschwunden und einer betretenen Erkenntnis gewichen: Das geht mich was an, das trifft mich tief drin, ich darf nicht wegschauen. Nicht bei mir und nicht da draussen.

Was ich tief drin fühle und wichtig und richtig finde, was ich nach aussen vertreten will, weil nur so ein Beitrag zu dem geleistet werden kann zu einer Sache, die notwendig ist, wollte ich bekennen. Auf die Fahnen Feminismus schreiben. Und ich zögerte. Ich wich auf Intersektionalität aus, da ich fand (und durchaus immer noch finde), dass es darum geht, Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen zu thematisieren. Ich weitete gar zum Humanismus und zur Existenzphilosophie aus, da es ja schlussendlich Ziel sein muss, den Menschen zuerst mal als Existenz ohne Zuschreibungen zu sehen, um ihn dann als je eigenes Wesen würdevoll zu behandeln. Ich ging noch weiter und landete bei der sozialen Gerechtigkeit, damit natürlich wieder im Bereich dessen, was ich über Jahre studiert habe und worauf ich spezialisiert war.

Alles war gut, nur der Begriff Feminismus wollte mir nicht aus den Fingern fliessen. Ich hatte so viele Bedenken im Kopf: «Was werden die anderen denken?», «Man wird mich nicht mehr mögen.», «Man wird mich belächeln.», «Man wird mich abstempeln.», «Man kann mich angreifen.» Durch diese positionierung fürchtete ich, auf eine Weise sichtbar zu werden, die nicht gefällig war, die polarisierte, die auffiel. Alles, was ich von klein auf gelernt hatte, dass ich das vermeiden sollte, vor allem als Mädchen. Gut und richtig war ich, wenn keiner merkte, dass ich da war, weil ich nicht auffiel. Vor allem nicht negativ Genügt habe ich, wenn ich mustergültig still und unhörbar und unsichtbar war. Nur dann artig antwortend, wenn ich gefragt wurde. Und natürlich musste es die (von aussen so definiert) richtige Antwort war.

Zu merken, wie tief diese Muster und Vorgaben sitzen, hat mich erschüttert. Nicht, dass ich es nicht geahnt hatte, es fiel mir immer wieder auf. Und hier wieder ganz bewusst. Wie oft hatte ich im Leben gefallen wollen, wie oft Ungerechtigkeit geschluckt. Wie oft habe ich geschwiegen bei anzüglichen Bemerkungen und Abwertungen, wie oft wurde ich um eine Chance gebracht, nur weil ich eine Frau war (explizit). Und immer hatte ich gelächelt, habe ich nachgegeben, meinen zugewiesenen Platz wieder eingenommen. Wie oft habe ich klein beigegeben, bin nicht hingestanden und habe gekämpft. Um des lieben Friedens willens.

Wie lange soll ich noch so weiter machen? Ist der Preis nicht zu hoch gewesen all die Jahre? Hat mir irgendjemand diese Resignation gedankt? Mir die Wunden lecken geholfen? Wie oft hörte ich bei einem kleinen Versuch des Aufbegehrens, ich soll mich nicht so haben, ein wenig Spass verstehen, sei alles nicht so ernst gemeint. Aber he: Es war abwertend, sexistisch, verachtend. Es war unterdrückend, unfair und Grenzen überschreitend. Es war nicht richtig. Und es darf nicht immer so weiter gehen. Für niemanden. Auch nicht für mich.

Leider ist es nicht so, dass ich nun, nachdem ich das alles aufgeschrieben habe, hingehen und mir überall auf die Fahnen schreiben kann, ich sei eine Feministin. Zu tief sind meine Prägungen, meine Ängste. Aber ich schaue hin, sehe sie, gehe sie an. In Schritten. Einer davon ist, über meine Erkenntnisse zu schreiben. Das hilft mir einerseits, mir noch klarer darüber zu werden, was in mir vorgeht, und bringt andererseits die Chance mit sich, dass sich jemand auch angesprochen fühlt und vielleicht einen Teil des Weges mitgeht oder selber einen Weg für sich erkennt.

Aufgewacht

Ich bin aufgewacht. Ich schwanke zwischen «endlich» und «erst». Eine Trauer hat sich in mir ausgebreitet, als ich merkte, was ich verpasst habe, wo ich nicht hingeschaut habe, was an mir vorbeizog oder was ich sogar aktiv verneinte, ablehnte. Wie tief waren die Muster, die Prägungen, wie stark verankert die Erwartungshaltungen von Kindheit an. Ich war in ihnen gefangen – für fast 50 Jahre. Der einzige Trost, der sich mir bot, war, dass ich noch 30 bis 40 Jahre haben könnte, es anders zu machen. Besser zu machen – besser für mich, nicht um irgendwelche Normen zu erfüllen wie bislang.

 Ich habe mich lange gegen den Feminismus gewehrt, mich davon distanziert. Ich bin keine Feministin, sagte ich, ich bin ein Antifeminist. Ich lachte mit den Männern mit, welche Sprüche über die hässlichen Feministinnen machte, fand Männer durch die sehr vehementen Forderungen oft benachteiligt und selbst bald unter Druck. Ich sah nicht ein, welche abstrusen Sprachregelungen noch gefordert werden müssten, schlussendlich käme es auf die Haltung dahinter und nicht auf ein paar die Sprache verhunzende Sternchen an. Ich fand es widersinnig, Bücher zu lesen, die von Frauen geschrieben werden, zählt doch der Inhalt, nicht das Geschlecht des Autors. Ich hatte Argumente. Und ich überzeugte vordergründig vor allem mich selber.

Blicke ich auf mein Leben zurück, wäre Feminismus durchaus ein Thema, das mich hätte beschäftigen müssen. Ich glaube, es wäre mir viel im Leben erspart geblieben. Als ich mich im vergangenen Jahr erst langsam, dann immer intensiver mit Frauenbiografien, später mit Büchern, die Frauen in verschiedenen Bereichen betreffen, auseinandersetzte, stiess ich auf ganz viele Aha-Momente. Ich erkannte mich so oft wieder in einem Leiden, in einer Eigenart, die ich vorher dachte, alleine zu haben. Ich sah Muster und Prägungen, denen ich selber verfallen war und erlebte Kämpfe, die ich entweder versucht oder gleich vermieden habe.

Ich habe beschlossen, dieses Thema weiter zu verfolgen. Einerseits, weil ich der Überzeugung bin, dass es noch lange nicht ausgestanden ist, für die Rechte der Frau einzustehen, andererseits aus einem ureigenen Bedürfnis heraus, den Rest meines Lebens befreiter ich sein zu können als ich das bislang tat aufgrund ganz vieler Mechanismen im Aussen und auch solcher, die ich von da verinnerlicht habe. Ich spüre aber sogleich bei diesem Vorsatz, dass er mir auch Angst macht, weil die alten Muster halt noch da sind: Was werden die anderen sagen? Werden sie mich noch mögen, wenn ich plötzlich einen anderen Weg gehe, einen, der mir mehr entspricht, mich aber vielleicht auch unbequemer macht? Und werde ich die Kraft haben, für diesen Weg einzustehen, wenn Gegenwind aufkommt, wie er ja oft aufkommt – ich blies ab und zu in die gleiche Richtung.

Sei es, wie es wolle, es führt kein Weg daran vorbei, denn: Das ist mein Weg und ich werde ihn gehen – in der Hoffnung, dass die, welche mir lieb und teuer sind, mich dabei begleiten. Vielleicht nicht immer gleicher Meinung, vielleicht auch mit Fragezeichen und Verständnisschwierigkeiten, aber immerhin mit der nötigen Toleranz, ihn als meinen Weg zu akzeptieren, und der nötigen Zugewandtheit und uneigennützigen Unterstützung, die ich wohl ab und zu brauchen werde.

Auf dieser Seite werden künftig aus diesem Grund neben Gedichten und Geschichten immer auch wieder Artikel/Essays zu mir wichtigen Themen erscheinen, Gedanken zum Leben und zum Sein als Frau in unserer Welt. Und natürlich kommen – wie immer bei mir – Bücher nicht zu kurz, denn auch in der Literatur ist das Thema Frau-Sein in dem Betrieb ein grosses, das viel zu lange verschwiegen wurde.