Auf den Spuren von van Gogh

«Gestern war ich im Museum, da hing so ein Bild von einem komischen Typen mit einem Verband um den Kopf.»

«Du meinst sicher van Goghs Selbstporträt.»

«Wieso malt der sich mit Verband? das sieht ja bescheuert aus.»

«Das ist biografisch bedingt. Der hat sich ein Ohr abgeschnitten. Das Bild soll wohl daran erinnern.»

«Du meinst, der hätte das sonst vergessen, wenn er es nicht gemalt hätte?»

«Nein, aber die Nachwelt vielleicht.»

«Ich würde nicht wollen, dass sich die Nachwelt an meine Dummheiten erinnert, und etwas Dümmeres, als sich ein ganzes Ohr abzusäbeln, gibt es kaum.»

«Es war auch nur ein Teil des Ohres und für ihn wohl nicht nur Dummheit, sondern Ausdruck eines Schmerzes. Es passierte nach einem Streit mit Gaugin. Wütend und besoffen wusste er sich wohl nicht anders zu helfen.»

«Da hätte er besser Gaugins Ohr abgeschnitten, auf den war er ja wütend.»

«Auch, was weiss ich. Er war halt Künstler.»

«Vielleicht stimmt die Geschichte gar nicht. Vielleicht konnte von Gogh schlicht keine Ohren malen und hat alles nur erfunden, um dann sein Selbstporträt mit Verband malen zu können.»

«Du sprichst hier von einem der grössten Künstler überhaupt, der konnte sicher Ohren zeichnen, Nasen gingen ja auch. Und Sonnenblumen.»

«Du kannst auch Tee und Nudeln kochen, aber die Spiegeleier verbrennen immer.»

«Das ist doch etwas ganz anderes.»

«Ich finde nicht. Vielleicht sollte ich meine Theorie mal aufschreiben und ein Buch damit veröffentlichen. Dann würde ich auch berühmt, ich müsste mir dazu nicht mal ein Ohr abschneiden.»

«Das will doch keiner lesen.»

«Nun, dann schneide ich mir einen Finger ab, dann bin ich genauso interessant wie van Gogh.»

«Das wäre aber dumm.»

«Nein, ich wäre dann ja auch Künstlerin. Die dürfen das.»

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Geschichte für die ABC-Etüden – Die Wörter für die Textwochen 44/45 des Schreibjahres 2021 stiftete Heidi mit ihrem Blog Erinnerungswerkstatt. Sie lauten:

Museum, biografisch, erinnern. Die Regeln: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Einladung bei Christiane: HIER

Wenn’s reimt, ist’s ein Gedicht!

«Ich bin nun Dichter.»
«Wieso? Rinnt nix mehr rein?»
«Du bist blöd, ne, so wie Rilke. So mit Reimen.»
«Du hast ein Gedicht geschrieben?»
«Nein, aber den Anfang von einem. Willste hören?»
«Na klar, ich bin gespannt.»

«Gekitzelt der Kürbis krakelt,
im Auto der Dackel wackelt,
gekitzelt von Fahrtes Wind,
krakeeeelt der Kopf geschwind.»

«Das ist alles?»
«Das ist immerhin ein Anfang. Und es reimt.»
«Aha…»
«Und es hat so diesen Analreim zusätzlich.»
«Analreim?»
«Na, so dieses Wiederholte drinrin.»
«Anapher?»
«Du immer mit deinem abgehobenen Getue und deinen Fremdworten. Hier geht es um Sinn und Seele.»
«Und wo steckt die, im Kürbis oder im Dackel?»
«Ich seh schon, du hast von Dichtung keine Ahnung.»
«Eventuell wärst du auch besser dichter.»

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Geschichte für die ABC-Etüden – Die Wörter für die Textwochen 44/45 des Schreibjahres 2021 stiftete Christian mit seinem Blog wortverdreher. Sie lauten:

Kürbis, kitzlig, krakeln. Die Regeln: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Einladung bei Christiane: HIER

Geheime Notizen

«Was machst du da?»
«Ich schreibe.»
«Was schreibst du?»
«Sag ich nicht.»
«Wieso nicht?»
«Weil es dann ja gesagt wäre, dann müsste ich es nicht mehr schreiben.»
«Doch, dann könnte ich es nachlesen, wenn ich es vergessen hätte.»
«Es ist aber nicht für dich bestimmt, nur für mich.»
«Wieso schreibst du es dann auf? Du könntest es auch nur denken.»
«Dann könnte ich es vergessen, das will ich nicht.»
«Ist es so wichtig?»
«Für mich im Moment schon.»
«Dann ist es für mich auch wichtig.»
«Ich zeige es dir aber nicht.»
«Bist du kitzlig? Dann kitzle ich dich so lange, bis du es zeigst.»
«Ich bin so kitzlig wie ein Kürbis.»
«Kürbisse sind nicht kitzlig. Wobei ich noch nie versucht habe, einen zu kitzeln.»
«Dann solltest du es bei mir auch nicht probieren.»

«Du warst ja doch kitzlig.»
«Gib mir das sofort zurück.»
«Nein, das lese ich nun.»
«Was muss ich tun, dass du es nicht liest?»
«Du kannst nichts tun, ich will das nun lesen.»
«Bist du kitzlig?»
«Nein.»
«Nicht mal wie ein Kürbis?»
«Nein, der war ja offensichtlich kitzlig.»
«Und wenn du es gelesen hast?»
«Dann weiss ich, was dir wichtig ist.»
«Wieso willst du das wissen?»
«Weil ich dich mag. Ich will dich verstehen.»
«Oh…»
«Das kann man ja gar nicht lesen, das ist ja nicht geschrieben, das ist gekrakelt.»
«Ja, so geht es mir auch immer.»
«Wieso schreibst du es dann doch auf?»
«Weil ich mich dadurch selber besser verstehe.»

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Geschichte für die ABC-Etüden – Die Wörter für die Textwochen 44/45 des Schreibjahres 2021 stiftete Christian mit seinem Blog wortverdreher. Sie lauten:

Kürbis, kitzlig, krakeln. Die Regeln: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

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