Wenn’s reimt, ist’s ein Gedicht!

«Ich bin nun Dichter.»
«Wieso? Rinnt nix mehr rein?»
«Du bist blöd, ne, so wie Rilke. So mit Reimen.»
«Du hast ein Gedicht geschrieben?»
«Nein, aber den Anfang von einem. Willste hören?»
«Na klar, ich bin gespannt.»

«Gekitzelt der Kürbis krakelt,
im Auto der Dackel wackelt,
gekitzelt von Fahrtes Wind,
krakeeeelt der Kopf geschwind.»

«Das ist alles?»
«Das ist immerhin ein Anfang. Und es reimt.»
«Aha…»
«Und es hat so diesen Analreim zusätzlich.»
«Analreim?»
«Na, so dieses Wiederholte drinrin.»
«Anapher?»
«Du immer mit deinem abgehobenen Getue und deinen Fremdworten. Hier geht es um Sinn und Seele.»
«Und wo steckt die, im Kürbis oder im Dackel?»
«Ich seh schon, du hast von Dichtung keine Ahnung.»
«Eventuell wärst du auch besser dichter.»

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Geschichte für die ABC-Etüden – Die Wörter für die Textwochen 44/45 des Schreibjahres 2021 stiftete Christian mit seinem Blog wortverdreher. Sie lauten:

Kürbis, kitzlig, krakeln. Die Regeln: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Einladung bei Christiane: HIER

Geheime Notizen

«Was machst du da?»
«Ich schreibe.»
«Was schreibst du?»
«Sag ich nicht.»
«Wieso nicht?»
«Weil es dann ja gesagt wäre, dann müsste ich es nicht mehr schreiben.»
«Doch, dann könnte ich es nachlesen, wenn ich es vergessen hätte.»
«Es ist aber nicht für dich bestimmt, nur für mich.»
«Wieso schreibst du es dann auf? Du könntest es auch nur denken.»
«Dann könnte ich es vergessen, das will ich nicht.»
«Ist es so wichtig?»
«Für mich im Moment schon.»
«Dann ist es für mich auch wichtig.»
«Ich zeige es dir aber nicht.»
«Bist du kitzlig? Dann kitzle ich dich so lange, bis du es zeigst.»
«Ich bin so kitzlig wie ein Kürbis.»
«Kürbisse sind nicht kitzlig. Wobei ich noch nie versucht habe, einen zu kitzeln.»
«Dann solltest du es bei mir auch nicht probieren.»

«Du warst ja doch kitzlig.»
«Gib mir das sofort zurück.»
«Nein, das lese ich nun.»
«Was muss ich tun, dass du es nicht liest?»
«Du kannst nichts tun, ich will das nun lesen.»
«Bist du kitzlig?»
«Nein.»
«Nicht mal wie ein Kürbis?»
«Nein, der war ja offensichtlich kitzlig.»
«Und wenn du es gelesen hast?»
«Dann weiss ich, was dir wichtig ist.»
«Wieso willst du das wissen?»
«Weil ich dich mag. Ich will dich verstehen.»
«Oh…»
«Das kann man ja gar nicht lesen, das ist ja nicht geschrieben, das ist gekrakelt.»
«Ja, so geht es mir auch immer.»
«Wieso schreibst du es dann doch auf?»
«Weil ich mich dadurch selber besser verstehe.»

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Geschichte für die ABC-Etüden – Die Wörter für die Textwochen 44/45 des Schreibjahres 2021 stiftete Christian mit seinem Blog wortverdreher. Sie lauten:

Kürbis, kitzlig, krakeln. Die Regeln: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Einladung bei Christiane: HIER

Leben zwischen Welten

Sie nennen ihn den Direktor. Aus der Welt, wo er das wirklich war, ist er schon lange gefallen. Er erinnert sich noch gut an die Blicke, als er seine Sachen im Büro packte und ging. Vorher hatte ihn der Verwaltungsrat zu sich gerufen. Vereint sassen sie alle da, rund um den Tisch, alle akkurat gescheitelt und herausgeputzt. Mit undurchdringlichem Blick schauten sie ihn an, als er eintrat. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete, aber er war sicher, dass es nichts Gutes war.

Er sei nicht mehr tragbar. Es täte ihnen leid. Er müsse verstehen. Sie hätten keine Wahl. Es sei besser für alle.

Er hat nur noch einzelne Sätze im Kopf. Die, welche ihn wie Messerspitzen trafen. Er sass da und schwieg. Natürlich wusste er, dass in der Vergangenheit nicht alles optimal gelaufen war. Angefangen hatte alles, als Claudia von einem Tag auf den anderen ausgezogen ist. Wobei – war das wirklich der Anfang gewesen?

Der Druck im Büro war immer grösser geworden, so dass er mehr und mehr Überstunden gemacht hatte. Er nahm die Arbeit jeden Abend mit nach Hause, wenn nicht auf Papier, so doch im Kopf. Claudia hatte oft gesagt, dass es so nicht weiter gehen könne. Er dachte, das sei nur eine Phase. Das ginge vorbei. Aber sie liebten sich. Es käme alles besser. Ob er es wirklich selbst glaubte?

Es ging nicht vorbei. Er merkte, dass es ihm half, abends bei einem Glas Wein abzuschalten. Aus einem wurden zwei. Später drei. Während er sich in den Alkohol flüchtete, verabredete sie sich abends immer öfters allein. Ein Teufelskreis: Er fühlte sich allein, überfordert, verkroch sich noch mehr in seine Arbeit und den Alkohol, sie war immer weniger da. Immerhin machte sie ihm keine Vorwürfe mehr.

Im Nachhinein wünschte er sich, sie hätte ihm weiter welche gemacht. Doch hätte es was gebracht? Hätte es etwas gegeben, das ihn wirklich hätte aufrütteln können, das etwas geändert hätte? Sie habe keine andere Wahl mehr gehabt, sagte sie. Und er? Hatte er eine gehabt? Er hatte sie zumindest nicht gesehen. Oder hatte er sich nicht getraut, sich anders zu verhalten, sich aus dem System zu befreien, in dem er sich tagtäglich abstrampelte? Aus Angst davor, was kommen könnte?

Als Claudia weg war, gab es kein Halten mehr. Der Alkohol war sein Lebensretter, sein täglicher Begleiter, ohne ihn ertrug er den Alltag gar nicht mehr. Tagsüber hielt er sich mehrheitlich zurück, aber abends holte er umso mehr nach – erst nur Wein, später Whiskey und härtere Sachen. Er spürte innerlich, dass es nicht so weiter gehen könnte, er wusste, dass er keinen guten Weg eingeschlagen hatte, aber er war darin gefangen.

Und dann kam dieser Morgen, als das Telefon klingelte und eine Stimme sagte: «Kommen Sie ins Sitzungszimmer, Sie werden erwartet.» So sassen sie auch da: Erwartungsvoll. Er fühlte sich, als beträte er eine Bühne und alle warten gespannt auf seinen Auftritt, während er vergessen hatte, welches Spiel gespielt wird.

Danach musste er packen. Unter Aufsicht von zwei Sicherheitsbeamten, die ihm später alle Schlüssel abnahmen und ihn zur Tür begleiteten, räumte er seine persönlichen Dinge zusammen. Das war das Ende. So dachte er zumindest, aber es war erst der Anfang.

Nach und nach waren auch die Freunde weg. Er müsse verstehen. Man feiere lieber als Paar mit anderen Paaren, das sei für alle lustiger. Man müsse den eigenen Stand wahren, er passe da nicht mehr rein in seiner Situation. Das sei nicht persönlich. Er kenne das ja. Auch in der Familie bemerkte er Veränderungen. Traf man sich zufällig auf der Strasse, spürte er ihre Blicke auf sich. Zu Festen wurde er nicht mehr eingeladen, anscheinend war immer der Rahmen so, dass er herausfiel. Er kannte den Grund dafür gut. In dieser Familie passierte so etwas nicht. Das Bild zu wahren war oberstes Gebot. Der schöne Schein war wichtigstes Ziel.

Als der Alkohol immer mehr und das Geld immer weniger wurde, musste er die Wohnung verkaufen. Er zog in eine billige Einzimmerwohnung. Mehr brauchte er nicht. Da wohnt er noch heute, auch wenn er eigentlich kaum da ist. Meist sitzt er auf seiner Bank im Park direkt unter der Linde. Er ist nicht allein täglich im Park. Aber er sitzt allein auf seiner Bank, während die anderen alle zusammen etwas weiter weg sitzen. Sie sind also zwar da und irgendwie doch nicht. Wenigstens verachten sie ihn nicht wie all die, aus deren Welt er gefallen ist. Im Gegenteil: Sie nennen ihn hier immer Herr Direktor. Er ist keiner von ihnen. Er wird es wohl nie sein. Er ist etwas Besseres, sagen sie, und doch ist er es nicht. Sie zählen ihn zu einer anderen Welt, zu einer, aus welcher er schon lange gefallen ist. So sitzt er allein auf seiner Bank zwischen den Welten.