Mit Hemmingway an der Bar

«Siehst du den Mann an dem Bartisch?» Sandra deutete auf einen Tisch ganz hinten in der Strandbar. «Der sitzt jeden Nachmittag mit einem Glas Weisswein hier und schaut vor sich hin.» Claudia wusste sofort, wen sie meinte. Der Mann hatte die grauen Haare zu einem Pagenschnitt geschnitten, der nun unter einem Strohhut hervorlugte. Er trug ein rosa Poloshirt und kurze Hosen. Die Augen lagen hinter spiegelnden Sonnengläsern versteckt und im Mund dampfte eine Pfeife. Auf dem Tisch vor sich hatte er eine kleine Männerhandtasche abgelegt, daneben stand sein Glas Wein. «Vielleicht kennt man den, aber er sitzt nun inkognito hier, versteckt hinter seiner Sonnenbrille.» «Ich glaube nicht. Mit dieser Frisur würde man ihn doch sofort erkennen, Brille hin oder her. Aber er hat was von einem Künstler – oder er will suggerieren, dass er einer sei. Oder aber er ist ein Geheimkünstler, einer, der im Geheimen schafft und irgendwann kommt alles ans Licht und versetzt die Welt in Erstaunen.»

«Oh, jetzt hat er einen Whiskey bestellt. Das hat er noch nie getan.»

«Hätte er noch eine Schreibmaschine bei sich, könnte man denken, das sei Hemingway. Der sass doch auch immer in Cafés und schrieb da, einen Whiskey vor sich – oder eine ganze Flasche.» «Vielleicht lässt er die Maschine zu Hause, weil sie zu sperrig zum Mitnehmen ist. Er speichert nur alles im Kopf ab und geht dann schnell heim, um es aufzuschreiben.»

«Vielleicht kommen wir in seinem neuen Roman vor und werden berühmt.  Sehe ich gut aus? Ich möchte nicht als die zerzauste, mittelalte Frau aus der Bar bekannt werden.» «Bloss nicht, dann würde auch die Bar hier berühmt, die Leute kämen in Scharen und wir hätten keinen freien Tisch mehr. Das wäre übel.»

«Du, der schaut ständig zu uns rüber. Das mag ich ja gar nicht, wenn mich Menschen im Restaurant so anstarren.»

Gutes Essen, schlechtes Essen

Ich erinnere mich, wie ich von der Schule heimkam und schon beim Öffnen der Tür den Geruch aus der Küche in der Nase hatte. Teilweise roch ich unser Essen schon, wenn ich die Treppen hochstieg. Wir wohnten im fünften Stock und so waren es viele Treppenstufen, auf denen ich den Geruch in der Nase hatte. Zwar gab es in dem Haus einen Lift, doch den durfte ich nicht benutzen, weil Mama fand, das sei zu gefährlich für mich alleine.Ich verstand das zwar nicht, doch ich hielt mich immer daran. Überhaupt hielt ich mich meist an solche Ge- und Verbote, die einfach ausgesprochen wurden, ohne dass ich sie verstanden hätte. Darüber zu diskutieren, das hatte ich schnell gelernt, brachte nichts, denn sie waren, wenn ausgesprochen, quasi in Stein gemeisselt.

Ich wusste immer, dass der Geruch nach Essen im Treppenhaus von uns kam, da es sonst selten aus Wohnungen heraus nach Gekochtem roch. Parfumwolken, Waschmittel, Raumdüfte, Müffeliges war alles da, aber kein Essen. Papa sagte oft, dass in anderen Familien nicht wie bei uns gekocht würde mittags. Da gäbe es dann nur Brot und Käse, die Küche bliebe kalt. Bei ihm klang das immer so, als ob das etwas Schlechtes wäre. Das habe ich nie verstanden, da ich Brot und Käse liebte und es gerne öfters gegessen hätte. Ob es wohl eine Hierarchie von Mahlzeiten gab, fragte ich mich dann. Gab es Mahlzeiten, die etwas taugten auf der einen Seite, solche, über die man die Nase rümpfte, auf der anderen? Und wer bestimmte, was auf welche Seite kam? Es kam mir ein bisschen vor wie bei Aschenputtel, welches die Erbsen sortieren musste. Ich traute mich nicht, das meinen Vater zu fragen. Es wäre sicher eine dumme Frage gewesen und ich konnte seinen abschätzigen Blick, den er für solche Fragen hatte, förmlich vor mir sehen. Die Vorstellung davon reichte mir durchaus.

Oft, wenn ich durch die Tür in unsere Wohnung kam, rief ich noch in der offenen Tür laut „Hallo!! Gibt es Suppe heute?“ Irgendwie fand ich oft, dass es nach Suppe roch, die ich eigentlich nicht wirklich mochte. Was ich aber an der Suppe mochte, war, dass es nach dem Teller Suppe den ich immer essen musste, Siedfleisch, Käse und Brot gab. Das liebte ich. Meistens hatte ich nach dem grossen Teller Suppe zwar keinen wirklichen Hunger mehr, aber ich ass es doch mit Genuss. Schliesslich, so dachte ich, hatte ich mich durch die Suppe gekämpft, da konnte ich nicht aufhören, wenn das Gute kam.

Irgendwann sagte mir Papa, ich dürfe nicht mehr schon in der offenen Tür rufen, ob es Suppe gäbe. „Sonst denken alle im Haus, dass es bei uns immer Suppe gibt.“ Ich verstand das Problem dabei nicht. Das musste wieder mit dieser Essenshierarchie zu tun haben. Auf alle Fälle rief ich ab da nicht mehr noch halb im Hausflur stehend in die Küche hinein. Ich kam nur noch still rein, hängte meine Jacke an die Garderobe, die gleich vis-a-vis von der Wohnungstür stand, stellte den Schulranzen sorgsam in die zweite Garderobe neben der Eingangstür. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, Kleider, Schuhe oder Schulranzen einfach so hinzuwerfen. Das hätte Papa mit kritischem Blick und ebensolchen Worten beanstandet. Ich wagte es nicht, diese strafenden Worte herauszufordern. Nicht, dass er mich je mit Prügeln oder ähnlichem gestraft hätte, der Blick und die Worte, dieses offensichtliche Missfallen, waren mir Strafe genug und ich versuchte tunlichst, beides zu vermeiden.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns beim Hereinkommen je umarmt hätten. Wenn ich mich ausgezogen hatte und in die Küche lief, hiess es immer, dass ich mich gleich hinsetzen solle, weil das Essen bald fertig sei. Ich habe mich selten wirklich auf das Mittagessen gefreut, da ich oft keinen Hunger hatte oder aber es Dinge gab, die ich nicht mochte. Und immer gab es zu viel von allem, vor allem von dem, was ich nicht mochte. Meine Eltern schöpften für mich und ich musste den Teller leer essen. Bevor nicht alles weg war, durfte ich nicht aufstehen. Erstens sei alles gesund, hiess es, und zweitens bräuchte ich das, um genügend Kraft für den Nachmittag zu haben.

Meistens schaffte ich es in nützlicher Frist, dass ich mit meinen Eltern oder unwesentlich später fertig war und endlich vom Tisch konnte. Doch es gab auch Essen, bei denen alle weg waren und nur ich noch alleine am Esstisch sass. Zuerst hörte ich dann, wie meine Mutter das Geschirr spülte, dann kam sie mit genervtem und fast schon verächtlichem Blick aus der Küche, schimpfte nochmals mit mir wegen meines ungezogenen verhaltens und ging dann an mir vorbei, um Dinge zu erledigen, die dringend getan werden mussten. Alles schien in dem Moment wichtiger, als mir wenigstens Gesellschaft zu leisten bei meiner Sitztortur. Vielleicht dachte sie, das wäre sonst mehr Belohnung, wo es doch die Strafe des Alleinseins sein musste, die ich offensichtlich verdient hatte.

Es gab aber auch Mittagessen, die wollten und wollten nicht enden. Ich erinnere mich an ein Mal, als es Lebern gab. Das war neben Kutteln das Essen, das ich am wenigsten mochte. Wenn ich diesen grässlichen Geschmack im Mund hatte, würgte es mich regelrecht, so dass ich das Gefühl hatte, ich müsse alles wieder von mir geben. Ich versuchte so zu kauen, dass ich möglichst wenig vom Geschmack mitkriegte, und wenn dann doch plötzlich eine Geschmackswelle durch mich hindurch ging, schüttelte es mich. „Nun stell dich nicht so an!“, schimpfte Papa mit missbilligendem Blick. „Wir geben uns immer solche Mühe, für dich etwas Anständiges auf den Tisch zu bringen. Andere Eltern machen es sich einfach und tischen Brot und Käse auf.“

Wie gerne wäre ich in dem Moment bei den anderen am Tisch gesessen. Aber ich sass hier und das an dem Tag lange. Es wurde eins, halb zwei, zwei. Ich langweilte mich fürchterlich. Die Vorstellung, die Lebern doch noch zu essen, die nun zu allem Übel auch noch kalt und damit noch ekliger waren, liess mich erschauern und ich schüttelte mich. Doch, was blieb mir anderes übrig?

Irgendwann ging meine Mutter ins Bügelzimmer, mein Papa war schon zur Arbeit gefahren. Da kam mir die Idee. ich könnte die Lebern in einem der grossen Blumentöpfe vergraben. Schnell machte ich mich an die Arbeit, nicht dass meine Mutter plötzlich dastünde und mich bei meinem Tun ertappte. Mein Herz schlug bis zum Hals, meine Hände zitterten, so dass ich mein Vorhaben fast nicht in Tat umsetzen konnte. Schliesslich gelang es mir doch. Ich rief meiner Mutter durch die Wohnung zu, dass ich nun fertig sei. „Siehst du, ging doch, war doch gar nicht so schlimm.“ Ich nickte stumm. Und ich fühlte mich gar nicht stolz, sondern schlecht. Ich schämte mich.

Irgendwann sassen wir wieder gemeinsam am Mittagstisch, meine Mutter zeigte auf einen der Blumentöpfe und sagte zu meinem Vater: „Schau, die Pflanze, die immer kränkelte, die ich fast fortgeworfen hätte – nun hat sie neue Triebe.“ Mein Vater interessierte sich nicht für die vielen Pflanzen bei uns, er fand im Gegenteil, es wären sowieso zu viele.

ich lächelte nur und dachte an mein kleines Abenteuer zurück. Es fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz so schlimm an. Meine Mutter sollte allerdings viele Jahre nicht erfahren, was sich damals zugetragen hatte.

Schneller Abstieg

Ich fuhr auf der langen graden Strasse, der Hügel mit dem stolzen roten Haus drauf kam näher und näher. Ich blickte hoch und dachte an meinen Aufstieg und die Begegnung auf Tuchfühlung zurück. Ich dachte daran, wie ich mit der Hand die Blessuren in der Wand spürte und eine Mischung aus Enttäuschung und Wehmut spürte. Früher, als ich das Haus nur von fern kannte, war es in meiner Vorstellung so gross und so stolz gewesen. In so einem Haus zu wohnen, war unvorstellbar, viel zu gross war es, schlicht jenseits meiner Welt und meiner Möglichkeiten. In meiner Welt war alles kleiner und bescheidener.

Das erinnerte mich an meine eigene Geschichte. Thomas und ich trafen uns bei einer Lesung und waren uns sofort sympathisch. Wir beschlossen, das Gespräch in einem Café weiterzuführen. Es war bald klar, dass wir uns wiedersehen würden, da wir viele gemeinsame Themen hatten und uns der Stoff wohl nicht so schnell ausgehen würden. Thomas erzählte schon damals viel von seiner älteren Schwester, die einen zentralen Platz in seinem Leben einnahm, was wohl auch ihrer gemeinsamen Geschichte geschuldet war. Ihre Mutter war früh gestorben und Susanne hatte sich oft um Thomas gekümmert, war für ihn da gewesen.

Thomas und ich wurden bald ein Paar und irgendwann wollte mich Thomas seiner Schwester vorstellen. Ich erstarrte bei der blossen Vorstellung, all meine bislang gut verstauten Ängste kamen auf: Was, wenn sie mich nicht mochte? Sie, die Thomas so wichtig war, auf deren Urteil er so viel gab? Thomas beruhigte mich sofort, seine Schwester sei sehr umgänglich, sie hätte sogar selbst Bedenken, weil sie dächte, mir nicht gewachsen zu sein – ich hätte im Gegensatz zu ihr studiert. Ich schaute ihn ungläubig an. Ich verstand nicht, wieso er ihr das erzählt hatte, da ich dies selbst kaum erwähnte, es mir schlicht nicht wichtig war. Ich hatte noch nie eingesehen, was an einem Studium so toll sein sollte, es machte keinen besseren Menschen aus einem – zumindest fühlte ich mich nicht als etwas Besseres dadurch. Ich fragte mich zudem, wie jemand auf die Idee kommen könnte, mir nicht gewachsen zu sein, die ich mich doch oft als Mängelwesen bezeichnete, eines, das nie gut genug war. In mir ratterten wie auf Kommando all meine Schwächen und Fehler runter, sie ratterten schnell, denn ich war das Aufzählen gewohnt. Das hatte natürlich alles eine Geschichte und die ging schon lange.

Mittlerweile war ich unter dem Haus angekommen auf meiner Fahrt. Ich warf einen letzten Blick nach oben, fühlte nochmals all die Gefühle, die bei meinem Aufstieg in mir hochgekommen waren, und fuhr weiter, das Haus langsam hinter mir lassend. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte vieles andere auch so einfach hinter mir lassen. All das Leid, die Verletzungen, die Abwertungen nochmals schnell anschauen und dann weiterfahren. Leider klappte das nicht so einfach.

Der Tag des Treffens mit Susanne kam und ich war sehr nervös. Ich kam mir vor, als ob ich zu einer Prüfung müsste, was bei meiner sehr ausgeprägten Prüfungsangst kein schönes Gefühl war. Was, wenn Susanne fände, ich sei doof, nicht gut genug für Thomas? Ich war auf der ganzen Fahrt sehr still. Vor dem Haus angekommen wäre ich am liebsten im Auto sitzen geblieben, wusste aber, dass dies wohl keine Option war. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, zumal ich mich irgendwie ja auch auf das Treffen freute, neugierig war. Ich war gespannt, zu sehen, wie die Frau war, die Thomas so nahestand und von der er so schwärmte. Susanne war sehr nett. Sie und ihre Familie empfingen mich sehr herzlich und schon bald sassen wir am Stubentisch bei Kaffee und Kuchen. Man merkte sofort, dass Susanne und Thomas eine sehr enge Beziehung hatten. Die beiden bestritten das Gespräch praktisch allein, Susannes Blick war unablässig auf Thomas gerichtet.

Als wir wieder auf der Heimfahrt waren, löste sich meine Anspannung gänzlich, sie war schon vor Ort immer weniger geworden. «Ich denke, sie mögen mich, oder?» Thomas bestätigte das und ich freute mich sehr darüber, da ich Susanne auch sofort sympathisch gefunden hatte. Ihr Wesen, ihr Naturell, sie war so ganz anders als ich, genauso, wie ich oft gerne gewesen wäre. Ab diesem ersten Treffen sahen wir uns öfters, immer waren es schöne Momente, immer aber schwang auch ein wenig das Gefühl mit, es wäre nicht gross aufgefallen, wenn ich nicht da gewesen wäre. Damit konnte ich leben, zumal mir Thomas immer versicherte, dass ich wirklich willkommen sei und es ihm was bedeute, wenn ich dabei wäre. Vermutlich hatte er recht und ich sah Gespenster, die wieder einmal meinem mangelnden Selbstwertgefühl geschuldet waren. Auch meine Ängste, dass sie mich vielleicht nach nun mehreren Treffen nicht mehr so nett fände wie am Anfang, konnte er zerschlagen. Sie gründeten, so Thomas, auf meiner steten Angst, als Mängelwesen, als das ich mich sah, erkannt zu werden. Das sähe aber nur ich so, meinte er. Ich war nicht ganz überzeugt, wollte ihm aber doch gerne glauben und sagte mir auch, dass Susanne und ich uns auch noch nicht lange kannten, die Beziehung zwischen den beiden Geschwistern aber so tief war, dass wenig Platz hatte daneben, geschweige denn mittendrin.

Eines Tages stritten Thomas und ich. Auslöser war ein kleiner Tropfen, der quasi ein Fass zum Überlaufen brachte, dies leider mitten in einem Einkaufszentrum und unter den Augen einer Freundin von Susanne – wir hatten sie nicht bemerkt, sie uns umso besser. Wir hatten uns bald wieder versöhnt, damit wäre die Geschichte zu Ende gewesen, aber das Ganze hatte schon weitere Wellen geschlagen. Zweifel kamen auf. Bei Susanne, die natürlich sofort von allem erfahren hatte. Ob ich auch wirklich gut genug sei für Thomas, zumal ich ja wirklich anders und damit oft komisch sei, so still und ernst auch. Schliesslich hätte Thomas es verdient, glücklich zu sein im Leben, er hätte schon genug durchgemacht und Susanne hatte ein Auge auf das Glück ihres Bruders. In dem Auge schien ich nun zum Dorn geworden, zumindest fühlte ich mich so.

Obwohl ich das alte Haus schon lange hinter mir gelassen hatte, fühlte ich bei diesen Gedanken an meine Geschichte plötzlich das Gefühl an meinen Fingern, als ich die spröden Mauern berührt hatte, als ich ganz fein darüber gefahren war mit den Fingerkuppen. In diesem rauen Gefühl lag der ganze Zerfall, der ganze Abstieg von dem erhabenen Gebilde hin zu einer Ruine. Und irgendwie fühlte ich mich damals in der Geschichte mit Susanne und Thomas genauso. Die Mängel waren aufgeflogen, sie hatten mich tief geworfen,  dahin, wo Mängelwesen wohl hingehören.

Gross und klein

Schon als ich unten am Berg stand und hochschaute, ahnte ich, dass dieser Weg nicht spurlos an mir vorbei gehen würde. Oben thronte das Haus, majestätisch blickte es über die Stadt, beschienen von der schon hochstehenden Sonne glänzten die Mauern und liessen das Haus förmlich erstrahlen. Es gab kein Tag, an welchem ich nicht unten auf der Strasse an diesem Haus vorbeifuhr, hochschaute und ehrfürchtig ergriffen war von so viel Eleganz und einer irgendwie nicht fassbaren, aber spürbaren Macht und Kraft. Langsam lief ich los, ich wollte es einmal aus der Nähe sehen.

Der Aufstieg war nicht sehr anstrengend, so dass schon bald meine Gedanken abschweiften. Ich dachte an gestern. Einer dieser Abende, wie es viele gab, eine Einladung eines Geschäftspartners von Thomas. Es war wie immer:

Thomas und ich sassen eher schweigsam im Auto, die Stimmung war eher gedrückt, da ich im Vorfeld wohl einmal zu viel gesagt hatte, dass mich der bevorstehende Abend nicht wirklich freut, ich lieber zu Hause geblieben wäre und einen ruhigen gemeinsamen Abend verlebt hätte. Die ewig gleichen Antworten waren gekommen, es werde sicher nett, wenn man mal da sei und manchmal müsse man halt auch Dinge tun, die man nicht gerne macht. Das stimmte zwar durchaus, nur fragte ich mich, ob das zwingend in der persönlichen Freizeit geschehen müsste, da diese doch eigentlich genau das sein sollte, was sie aussagt: Freie Zeit und damit zur freien Verfügung. Nun denn, wir fuhren als, verfuhren uns das obligate Mal, da die kleinen Käffer alle gleich aussehen und die Strassen alle gleich schlecht beschriftet sind. Wenn schon das Navi mit GPS versagte bei der Suche, wie sollten wir es besser können?

Wir kamen schlussendlich doch an, das Haus war schon hell erleuchtet, auf unser Klingeln wurde auch sofort geöffnet. Da stand man dann, wie bei jedem dieser Abende, alle herausgeputzt und mit strahlendem Lächeln, drei Küsse und Freudbekundungen über das Wiedersehen nach so langer Zeit und die ewig gleiche Aussage, dass das Mitbringsel nicht nötig gewesen wäre, dabei taxierend, ob es dem vormals selber mitgebrachten entspräche und abschätzend, was nun für das nächste Mal von einem selber gefordert wäre. Dann ging es hinein in den Eingangsbereich, welcher ähnlich wie überall war: Repräsentativ, anspruchsvoll wirkende Bilder an den Wänden, dekorative grosse Vasen auf den Böden, alles hell beschienen und ins richtige Licht gerückt von einer Designerlampe. Im Wohnzimmer ging es ähnlich weiter, grosse weisse Sofalandschaften mit artig drapierten Kissen, von Interiorsdesignheften inspiriert angeordnete Vasen auf dem Beistelltisch, akkurat aufgestellte Blumentöpfe und darauf abgestimmte Kunstgegenstände bestimmten das Bild, die Bewohner fügten sich passend in dieses ein. Über allem schwebte der Duft des aktuell angesagten Raumparfums – vielleicht war es auch das etwas penetrante Parfum der Gastgeberin.

Langsam wurde mir warm beim Aufstieg. Ich schaute auf die wilde Natur um mich, sah die schon langsam braun werdende Wiese, einzelne Kakteen und Steinwände, aus welchen da und dort kleine Pflänzchen ihren Weg gefunden hatten. Es roch nach frischen Kräutern. Die Sonne stand schon höher als vorher, das Haus war im Moment verdeckt durch die Bäume am Wegrand, welche mir zum Glück etwas Schatten spendeten. Sie hatten mich aus dem Bannkreis des dominant aufragenden Hauses in eine einfache Welt geworfen, in welcher ich ganz mit mir alleine war – und mich irgendwie im Reinen fühlte. Etwas, das ist gestern vermisst hatte.

Beim Apéro standen die immer gleichen Fragen in der Luft, hatte man doch in der langen Zeit des Nichtsehens vergessen, was letztes Mal schon gesprochen worden war. Und es hatte vielleicht auch nicht wirklich interessiert, so dass man es sich schlicht nicht merken musste. In mir zog eine leichte Unruhe auf. Ich hielt mich an meinem Glas, schob mechanisch scharfe Nüsse und Salzbrezel in mich rein, lächelte freundlich, beantwortete die Fragen, hörte zu. Ich wartete aufs Abendessen, erstens, weil ich dann mehr Beschäftigung hätte durchs Essen, zweitens weil dann ein Punkt abgehakt wäre und das Ende nicht mehr ganz so fern wie beim Kommen. Langsam löste der Wein meine Zunge, die Laune besserte sich. Die Leute waren gar nicht so übel, im Gegenteil, sie waren sogar nett. Und eigentlich auch spannend, hätte man sich mehr auf sie einlassen können. Aber das war nicht der Sinn solcher Zusammenkünfte, sie waren nicht zum Bilden einer Freundschaft ausgelegt, sondern zum Austausch von Höflichkeit gedacht als Zeichen des bestehenden Kontakts und der Wertschätzung in Bezug auf die Zusammenarbeit.

Irgendwann war es so weit – wir wechselten zum Esstisch für das Abendessen. Ich war nicht mehr nur froh, weil das ein Zeichen des fortschreitenden Abends war, sondern weil ich nach dem dritten Glas Wein dringend etwas Richtiges zu Essen brauchte, um etwas Boden zu schaffen. Immerhin ging es mir mittlerweile besser. Ich schaute in die Runde. Alle waren fröhlich, lachten, erzählten von den Erfolgen ihres Lebens, von den Höhepunkten ihres Daseins, von Reisen an entlegene Orte und Anschaffungen teurer Lebensverschönerer.

Ich fühlte mich irgendwie verloren, eingeschüchtert von so viel Erfolg und Schönheit. Meine Welt war eine andere. Nicht dass ich mit meinem Leben nicht zufrieden wäre oder neidisch auf ihres, aber bei mir erschien mir alles so viel kleiner. Ich hatte so viele Schwächen, hatte kein Leben auf der Durchfahrtstrasse, sondern eher eines auf Umwegen, mit Umbrüchen, Abbrüchen. Zwar hatte ich durchaus viel gelernt dadurch, auch viel Schönes erlebt, aber nichts so Beeindruckendes zu erzählen. In diesem Umfeld wirkte es eher wie ein Versagen denn als Erfolgsgeschichte. Ich kam mir vor wie ein Mängelexemplar, welches aus Versehen ins Regal der Luxusbildbände eingereiht worden war.

Die Bäume über mir lichteten sich und gaben den Blick auf das Haus wieder frei. Von Nahem war es noch grösser, als es von unten erschienen war. Als ich nun so nah dran war, ragten die roten Wände förmlich in den Himmel hinauf. Und doch hatte es viel von seiner Strahlkraft eingebüsst. Die Wände waren teilweise eingefallen, der Putz bröckelte. Die Fensterscheiben waren grossenteils zerbrochen und um das Haus wucherte das Unkraut schon mannshoch.  Es war immer noch imposant in seiner Grösse, und doch relativierte alles durch das Sichtbarwerden der kleinen Blessuren.

Was dieses Haus wohl schon alles erlebt hatte? Welche Geschichten es erzählen könnte, wenn es wollte? Was könnte ich von dem Haus alles lernen über verschiedene Leben, die gelebt wurden in diesen Mauern? Ich lief um das Haus herum, es gab keine Tür, die sich hätte öffnen lassen. Das Haus war schon lange unbewohnt und es würde wohl auch nie mehr bewohnt sein. Es war dem langsamen Zerfall ausgeliefert. Ob es irgendwann in sich zusammenfallen und nicht mehr oben am Berg thronen würde? Ich legte meine Hand an die Wand und spürte den rauen Stein. Obwohl die Wand von der Sonne beschienen war, wirkte doch alles kalt auf mich.

Ich schaute auf die Strasse hinunter, sah mein Auto klein und unscheinbar dastehen. Etwas weiter weg erstreckte sich die Stadt über die tiefliegende Ebene, beschienen von der nun am Höhepunkt stehenden Sonne. Ein kleines Haus reihte sich ans andere, alle glitzerten sie weiss im hellen Licht. Es war keines so eindrücklich wie das grosse rote neben mir. Keines war mir je so ins Auge gestochen wie dieses. Wenn ich sie nun so daliegen sah, lag etwas Tröstliches in ihnen. Sie waren nicht allein, sie standen zusammen und bildeten eine Gemeinschaft. Wie sie da so in der Sonne glitzerten, lag auch eine Schönheit in ihnen. Und das wichtigste: In jedem von ihnen wohnte jemand, der für sein Leben ein Zuhause gefunden hatte, einen warmen Ort der Geborgenheit. Der Gedanke hatte etwas Tröstliches für mich. Und ich fragte mich, ob es nicht vielleicht bei den Menschen gleich war. Vielleicht steckte hinter dem schönen Schein noch mehr, das aus der Ferne nicht sichtbar wurde. Und vielleicht halten wir Menschen oft auf Distanz, dass sie nicht hinter die Fassade blicken können.

Irgendwann war der Abend zu Ende, wir brachen auf. Es war ein schöner Abend gewesen, alle versicherten wir einander, dass wir nicht wieder so viel Zeit verstreichen lassen sollten bis zum nächsten Treffen und wir meinten es irgendwie sogar so, obwohl wir wussten, dass es wieder so kommen würde. Schlussendlich hatte man noch die vielen anderen gleichen Verabredungen, die alle auch noch anstanden. Als wir heimkamen und ich in unsere Wohnung trat, fühlte ich mich zuhause und es wurde mir warm ums Herz. Zum ersten Mal heute Abend. Und irgendwie war ich dankbar für diese nicht so herausgeputzte Wohnung, mein nicht so perfektes Leben, mein nicht so makelloses Sein. Es war alles gut.

Aufgewacht

Ich bin aufgewacht. Ich schwanke zwischen «endlich» und «erst». Eine Trauer hat sich in mir ausgebreitet, als ich merkte, was ich verpasst habe, wo ich nicht hingeschaut habe, was an mir vorbeizog oder was ich sogar aktiv verneinte, ablehnte. Wie tief waren die Muster, die Prägungen, wie stark verankert die Erwartungshaltungen von Kindheit an. Ich war in ihnen gefangen – für fast 50 Jahre. Der einzige Trost, der sich mir bot, war, dass ich noch 30 bis 40 Jahre haben könnte, es anders zu machen. Besser zu machen – besser für mich, nicht um irgendwelche Normen zu erfüllen wie bislang.

 Ich habe mich lange gegen den Feminismus gewehrt, mich davon distanziert. Ich bin keine Feministin, sagte ich, ich bin ein Antifeminist. Ich lachte mit den Männern mit, welche Sprüche über die hässlichen Feministinnen machte, fand Männer durch die sehr vehementen Forderungen oft benachteiligt und selbst bald unter Druck. Ich sah nicht ein, welche abstrusen Sprachregelungen noch gefordert werden müssten, schlussendlich käme es auf die Haltung dahinter und nicht auf ein paar die Sprache verhunzende Sternchen an. Ich fand es widersinnig, Bücher zu lesen, die von Frauen geschrieben werden, zählt doch der Inhalt, nicht das Geschlecht des Autors. Ich hatte Argumente. Und ich überzeugte vordergründig vor allem mich selber.

Blicke ich auf mein Leben zurück, wäre Feminismus durchaus ein Thema, das mich hätte beschäftigen müssen. Ich glaube, es wäre mir viel im Leben erspart geblieben. Als ich mich im vergangenen Jahr erst langsam, dann immer intensiver mit Frauenbiografien, später mit Büchern, die Frauen in verschiedenen Bereichen betreffen, auseinandersetzte, stiess ich auf ganz viele Aha-Momente. Ich erkannte mich so oft wieder in einem Leiden, in einer Eigenart, die ich vorher dachte, alleine zu haben. Ich sah Muster und Prägungen, denen ich selber verfallen war und erlebte Kämpfe, die ich entweder versucht oder gleich vermieden habe.

Ich habe beschlossen, dieses Thema weiter zu verfolgen. Einerseits, weil ich der Überzeugung bin, dass es noch lange nicht ausgestanden ist, für die Rechte der Frau einzustehen, andererseits aus einem ureigenen Bedürfnis heraus, den Rest meines Lebens befreiter ich sein zu können als ich das bislang tat aufgrund ganz vieler Mechanismen im Aussen und auch solcher, die ich von da verinnerlicht habe. Ich spüre aber sogleich bei diesem Vorsatz, dass er mir auch Angst macht, weil die alten Muster halt noch da sind: Was werden die anderen sagen? Werden sie mich noch mögen, wenn ich plötzlich einen anderen Weg gehe, einen, der mir mehr entspricht, mich aber vielleicht auch unbequemer macht? Und werde ich die Kraft haben, für diesen Weg einzustehen, wenn Gegenwind aufkommt, wie er ja oft aufkommt – ich blies ab und zu in die gleiche Richtung.

Sei es, wie es wolle, es führt kein Weg daran vorbei, denn: Das ist mein Weg und ich werde ihn gehen – in der Hoffnung, dass die, welche mir lieb und teuer sind, mich dabei begleiten. Vielleicht nicht immer gleicher Meinung, vielleicht auch mit Fragezeichen und Verständnisschwierigkeiten, aber immerhin mit der nötigen Toleranz, ihn als meinen Weg zu akzeptieren, und der nötigen Zugewandtheit und uneigennützigen Unterstützung, die ich wohl ab und zu brauchen werde.

Auf dieser Seite werden künftig aus diesem Grund neben Gedichten und Geschichten immer auch wieder Artikel/Essays zu mir wichtigen Themen erscheinen, Gedanken zum Leben und zum Sein als Frau in unserer Welt. Und natürlich kommen – wie immer bei mir – Bücher nicht zu kurz, denn auch in der Literatur ist das Thema Frau-Sein in dem Betrieb ein grosses, das viel zu lange verschwiegen wurde.

Fallende Steine

Wie immer, wenn Claudia auf dieser Strasse fuhr, schaute sie zu dem roten Haus, das ganz oben auf dem Hügel stand. Man hätte sagen können, es throne majestätisch über dem Ort, doch es war über die Jahre so verfallen, dass es ein ziemlich abgehalfterter König gewesen wäre, einer, der den richtigen Zeitpunkt zu gehen verpasst hätte.

Woran erkannte man eigentlich, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist zu gehen? Was war zu früh, wann hatte man noch zu wenig probiert, zu wenig gekämpft, zu wenig ertragen? Musste man nicht auch mal ausharren, wenn es nicht so leicht geht?  Auch dann noch bleiben, wenn man nicht mehr die beste Falle macht, sondern vielleicht auch müde ist von all den vergangenen Mühen und Nöten, nagenden Sorgen und verlorenen Schlachten?

Und andersrum: Wenn man zu lange blieb? Hatte man irgendwann den richtigen Zeitpunkt zu gehen verpasst und ein Gehen war kaum mehr möglich? Hatte man dann zu lange ausgehalten, was eigentlich nicht auszuhalten gewesen wäre, zu lange das Unerträgliche ertragen und zu lange alle guten Gründe zu gehen widerlegt, so dass keiner mehr blieb, auf den hin man wirklich hätte gehen können?

Claudia hatte keine Ahnung, sie wusste nur, dass sie nicht enden wollte wie dieses rote Haus, aus welchem langsam die Steine brachen, das seine Majestät nur noch durch seine Lage auf dem Hügel und nicht mehr durch sein eigenes Sein hatte. Heute würde sie mit Thomas reden. Bestimmt.

Sie würde ihm von dem Haus erzählen und von ihrer inneren Leere. Sie würde ihm sagen, dass auf sie beide noch mehr wartet als der langsame gemeinsame Verfall. Sie würde ihm sagen, dass es lange eine schöne Zeit war, doch diese schöne Zeit immer weniger schön und die schönen Momente immer weniger neben anderen geworden waren. Sie würde ihm sagen, dass es ihr nicht leicht falle, dass sie bei all den Gedanken an das mal Schöne aber leider vergangene auch traurig sei. Sie würde ihm aber auch von ihrer Angst erzählen, der Angst davor, dass irgendwann so viele Steine aus ihr gebrochen seien, dass sie keine stabilen Wände mehr hätte und dann zu wenig Kraft selbst zu stehen. Sie würde ihm sagen, dass sie nicht zusammenbrechen oder nur noch mit Hilfe aufrecht bleiben wolle.

Das Haus war schon lange aus ihrem Blickfeld verschwunden. Bald kam die Abzweigung nach Hause. Sie stellte sich vor, wie sie das Auto parkte, ins Haus ginge, Thomas sähe und ihm all das erzählte. Sie stellte sich seinen Blick vor, wie gut sie ihn doch kannte. Sie wusste genau, wie er sie anschauen würde, ungläubig zuerst. Wie er dann anfangen würde zu lachen, etwas sagen würde wie: «Ach du, was ist dir wieder über die Leber gelaufen? Was sind das für Fantasien?» Und sie wüsste, dass er nichts von all dem, was sie ihm erzählen wollte, verstehen würde. Und irgendwie verstand sie es auch selbst nicht. Sie wusste nur eines: Es käme wieder. Und immer wieder. Und immer schneller wieder.

Vive la Résistance – oder «M»an stellt um

Heute wird ein guter Tag, ich wusste es schon beim Aufstehen. Voll motiviert setzte ich mich an den Esstisch und schrieb meine Einkaufsliste. Tat ich dies in der Vergangenheit leicht chaotisch, notierend, was mir grad so in den Sinn kam, um dann wie ein aufgescheuchtes Huhn kreuz und quer durch das Einkaufszentrum zu rennen bei der Abarbeitung, hatte ich nun eine neue Strategie. Mein Nachbar hatte mir am Abend zuvor von seiner Methode erzählt. Er gehe beim Erstellen der Einkaufsliste im Kopf durch den Laden und schreibe die zu kaufenden Dinge in der Reihenfolge auf, wie man sie beim Laufen durch die Gestelle anträfe. Ich hatte zwar schon davon gehört, es aber bislang nie umgesetzt. Wann, wenn nicht heute?

Gesagt, getan, und so sass ich schon bald im Auto auf dem Weg zum Einkaufszentrum, laut Beethoven pfeifend, welcher gerade im Radio sein Klavierkonzert gab und um meine Unterstützung sicher dankbar war. Schon beim Hochfahren mit der Rolltreppe ahnte ich Böses. Es sollte sich bewahrheiten. Beim Eingang stand ein Schild:

«Wir modernisieren für Sie. Für ein noch besseres Einkaufsgefühl.»

Die bauten das Zentrum um. Also nicht komplett, nur innendrin. Und auch da nicht ganz, sie räumten nur die Waren aus den Regalen und räumten sie an anderer Stelle wieder in andere Regale. Und ich stand da. Mit meiner Einkaufsliste in der Reihenfolge der alten Ordnung, nicht der modernen. Schon bald sah man mich wieder in alter Manier, der des aufgescheuchten Huhns, dieses Mal zusätzlich suchend, durch die Regale rennen. Nur: Dieses Mal war ich nicht allein, ganz viele andere Hühner suchten mit, alle laut schimpfend, alle die Hände in die Luft werfend und schnaubend.

Wir sahen uns gegenseitig beim Eilen, Suchen, Schnauben, Schimpfen und etwas Wundersames passierte: Wir verbrüderten uns, wir hatten nun einen gemeinsamen Feind: Das Einkaufszentrum mit seiner perfiden Idee der verwirrenden Umverteilung. Wir verstanden uns wirklich gut in unserem Groll, es bildete sich eine Solidarität heraus. Wann immer jemand hörte, was der andere brauchte und er wusste, wo es zu finden war, rief er dem noch Suchenden die Stelle zu. Auf diese Weise kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die mir im Vertrauen sagte:

«Das ist eine reine Marketingstrategie, das habe ich mal in einem Seminar gelernt, als ich selber noch für dieses Zentrum arbeitete. Die räumen in regelmässigen Abständen alles um, damit die Einkaufenden durch alle Regale laufen müssen, dabei neue Dinge sehen und dann mehr kaufen.»

Da war es um den letzten Rest meiner Beherrschung geschehen.

«So nicht mit uns!»

Sie nickte mir zustimmend zu.

«Das machen wir nicht mit, oder?»

Sie nickte wieder und um uns herum sah ich noch mehr Zustimmung!

«Heute kaufen wir NICHTS, was nicht auf der Liste steht – egal, wie lange wir suchen und was wir sehen.»

Wir waren uns einig. Das war wohl der erste Tag, an dem ich nur mit dem wirklich Nötigen heimkam. Den ungläubigen und leicht bewundernden Blick des Mannes zu Hause werde ich meiner Lebtage nicht vergessen. Danke, lieber oranger Riese!*

*Für meine Nicht-Schweizer-Leser: Das ist ein grosser Einkaufskonzern in der Schweiz.

Wäsche waschen

Ich hänge meine Hosen seilelang dem
Wind entgegen, seh sie schweifen, schweben,
vogelfrei zum Himmel streben, fast wie
nicht von dieser Welt, schon ihr enthoben.

Seh’ sie flattern, seh’ sie treiben, seh’ sie
Hin zum Himmel greifen, sie die sonst
An meinen Beinen erdenfest am Boden
Kleben, da verweilen, manchmal eilen.

Sind sie nicht den Träumen gleich, die durch die
Lüfte ziehen? Sind sie nicht den Wünschen
Nah, die wir vom Leben weben, hoffen,

dass Hekate spricht und sie dem
Leben übergebe zur Erfüllung
Hier und jetzt, nicht einfach irgendwann?

©Sandra von Siebenthal

Auf den Spuren von van Gogh

«Gestern war ich im Museum, da hing so ein Bild von einem komischen Typen mit einem Verband um den Kopf.»

«Du meinst sicher van Goghs Selbstporträt.»

«Wieso malt der sich mit Verband? das sieht ja bescheuert aus.»

«Das ist biografisch bedingt. Der hat sich ein Ohr abgeschnitten. Das Bild soll wohl daran erinnern.»

«Du meinst, der hätte das sonst vergessen, wenn er es nicht gemalt hätte?»

«Nein, aber die Nachwelt vielleicht.»

«Ich würde nicht wollen, dass sich die Nachwelt an meine Dummheiten erinnert, und etwas Dümmeres, als sich ein ganzes Ohr abzusäbeln, gibt es kaum.»

«Es war auch nur ein Teil des Ohres und für ihn wohl nicht nur Dummheit, sondern Ausdruck eines Schmerzes. Es passierte nach einem Streit mit Gaugin. Wütend und besoffen wusste er sich wohl nicht anders zu helfen.»

«Da hätte er besser Gaugins Ohr abgeschnitten, auf den war er ja wütend.»

«Auch, was weiss ich. Er war halt Künstler.»

«Vielleicht stimmt die Geschichte gar nicht. Vielleicht konnte von Gogh schlicht keine Ohren malen und hat alles nur erfunden, um dann sein Selbstporträt mit Verband malen zu können.»

«Du sprichst hier von einem der grössten Künstler überhaupt, der konnte sicher Ohren zeichnen, Nasen gingen ja auch. Und Sonnenblumen.»

«Du kannst auch Tee und Nudeln kochen, aber die Spiegeleier verbrennen immer.»

«Das ist doch etwas ganz anderes.»

«Ich finde nicht. Vielleicht sollte ich meine Theorie mal aufschreiben und ein Buch damit veröffentlichen. Dann würde ich auch berühmt, ich müsste mir dazu nicht mal ein Ohr abschneiden.»

«Das will doch keiner lesen.»

«Nun, dann schneide ich mir einen Finger ab, dann bin ich genauso interessant wie van Gogh.»

«Das wäre aber dumm.»

«Nein, ich wäre dann ja auch Künstlerin. Die dürfen das.»

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Geschichte für die ABC-Etüden – Die Wörter für die Textwochen 44/45 des Schreibjahres 2021 stiftete Heidi mit ihrem Blog Erinnerungswerkstatt. Sie lauten:

Museum, biografisch, erinnern. Die Regeln: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Einladung bei Christiane: HIER

Werden, wer man ist

Seit ich sieben bin, weiss ich, dass ich eine Schriftstellerin bin. Ich habe seit da auch immer etwas geschrieben, mehr noch habe ich nach Themen gesucht, über die ich schreiben könnte, aber sie stellten sich nicht ein. Ich überlegte mir, was mich interessiert, was andere interessieren könnte. Und manchmal begann ich sogar mit viel Elan zu schreiben. Doch dann versandete erst der Elan und dann der Schreibfluss und am Schluss das ganze Interesse am Thema. Und so sitze ich nun hier, 40 Jahre später, bin immer noch Schriftstellerin ohne Buch und suche. Nach dem einen Buch, das von mir geschrieben werden will. Nun finde ich es natürlich nicht toll, dass sich dieses Buch nicht bei mir meldet. Zumindest könnte es eine Idee schicken, aus der ich dann das Buch schreiben könnte. Aber: Nichts. Keine Idee.

«Was machst du?»
«Ich denke nach.»
«Worüber?»
«Was ich schreiben soll.»
«Was willst du denn schreiben?»
«Das weiss ich eben nicht.»
«Wieso willst du es denn schreiben?»
«Weil ich eine Schriftstellerin bin.»

Ich merkte schon beim Aussprechen dieses letzten Satzes, dass er komisch klingt. War ich ein Aufschneider? Einer, der die Lorbeeren sammelt für etwas, das er nicht getan hat? Heisst Schriftsteller sein nicht auch Bücher veröffentlichen? Und was hatte ich? Nichts. Kein Buch. Kein gar nichts. Ein paar Gedichte vielleicht. Anfangs von Herzen und Schmerzen beseelt, später etwas hochstehender, aber ein Rilke ist an mir auch nicht verloren gegangen. Und so habe ich immer wieder mit dem Gedichteschreiben aufgehört. Um dann auch wieder damit anzufangen, immerhin ging das irgendwie. Und es kamen Worte aufs Papier. Und das fühlte sich dann so an, als ob ich wäre, was ich bin. Die Selbstzweifel haben sich dann schnell wieder gemeldet.

Da gab es mal ein Romanprojekt. Ich hatte einfach alles, was ich je erlebt habe in meinem Leben, zusammengeschrieben, damit es etwas origineller erschien, noch ein paar passende Gedichte an passende Stellen eingefügt und fertig war die ganze Sache. Dass es mich dann doch nicht so überzeugt hat, liegt wohl daran, dass ich besser erkenne, ob ein Roman gut ist oder nicht, als dass ich einen wirklich guten selber schreibe. Das Erkennen des Romans ist quasi mein Beruf und das klappt ganz gut. Ich weiss sogar theoretisch, wie man einen schreibt, wie man dabei vorgeht, was man beachten sollte. Aber eben, Theorie ist Schall und Rauch und macht noch keinen Roman.

Ich habe auch mal einen Kurs besucht, in dem es hiess, man lerne Schreiben. Und die, welche ihn gab, konnte das auch, schliesslich hatte sie im Gegensatz zu mir schon Bücher veröffentlicht. Ich fand die zwar toll, aber noch toller fand ich sie als Person und der Kurs war in meiner Nähe. Schreibt einfach drauf los. Meinte sie. Ohne zu denken. Schon die erste Hürde. Nicht denken. Das konnte ich kaum. Irgendwie dachte es meist mit mir. Irgendwas schwirrte ständig durch den Kopf und so sehr ich mich auch bemühte, es ging nicht weg. Und wenn es weg ging, dann kam bestimmt gleich etwas Neues. Und das ging dann immer so weiter. Und je mehr ich mich bemühte, der Gedanken Herr zu werden, sprich, sie los, desto mehr kamen die. Irgendwie hatten sich die gegen mich verschworen oder es gefiel ihnen in meinen Hirnwindungen. Vielleicht weil sie da so schön drehen konnten.

Ich schrieb dann trotzdem drauf los. Und was soll ich sagen: Es kamen auch Worte zu Papier und ich kam vom Hundertsten zum Tausendsten und drehte und kam zurück und erkannte in allem keine Geschichte. Irgendwie. Und irgendwie doch. Mit der Zeit hatte sich ein Fluss eingestellt und ich hatte etwas gefunden, woran ich blieb und das ich ausbaute. Und als die vorgegebene Zeit um war (wir sollten ja nicht unendlich lange unendlich viel schreiben, so gedankenlos, wo führte das auch hin?), waren doch einige Seiten vollgeschrieben und ich fühlte mich wie eine richtige Schriftstellerin. Es war noch kein Buch, aber he, alles fängt mal klein an, ein Buch auch mit einigen Seiten.

«Was machst du?»
«Ich denke immer noch nach.»
«Worüber?»
«Was ich schreiben soll.»
«Und hast du schon etwas gefunden?»
«Nein, sonst würde ich nicht mehr denken, sondern schreiben.»
«Wieso schreibst du nicht einfach das auf, was du denkst?»
«Das ist eine gute Idee.»