Moll und Dur

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
spielt in Dur und auch in Moll.
Ich könnt’ euch dieses Lied zwar singen:
was es wohl bedeuten soll?

Gibt den Klang der Zeiten wieder,
als der Menschen Lebenslieder;
klingt so in die Welt hinaus
und tritt ein in jedes Haus.

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
manchmal sonnenklar und schön,
singt von Tiefen und Misslingen,
nicht nur blossen Lebenshöh’n.

So scheint das Glück ein selten Wesen,
Dur in Liedern handverlesen,
Verse fliessen oft in Moll,
nur beides macht das Leben voll.

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
sendet Freude und auch Trost,
wer immer mag, fängt an zu singen,
und wird schon dadurch leiderlöst.

©Sandra von Siebenthal, 15. Juli 2021

Werden, wer man ist

Seit ich sieben bin, weiss ich, dass ich eine Schriftstellerin bin. Ich habe seit da auch immer etwas geschrieben, mehr noch habe ich nach Themen gesucht, über die ich schreiben könnte, aber sie stellten sich nicht ein. Ich überlegte mir, was mich interessiert, was andere interessieren könnte. Und manchmal begann ich sogar mit viel Elan zu schreiben. Doch dann versandete erst der Elan und dann der Schreibfluss und am Schluss das ganze Interesse am Thema. Und so sitze ich nun hier, 40 Jahre später, bin immer noch Schriftstellerin ohne Buch und suche. Nach dem einen Buch, das von mir geschrieben werden will. Nun finde ich es natürlich nicht toll, dass sich dieses Buch nicht bei mir meldet. Zumindest könnte es eine Idee schicken, aus der ich dann das Buch schreiben könnte. Aber: Nichts. Keine Idee.

«Was machst du?»
«Ich denke nach.»
«Worüber?»
«Was ich schreiben soll.»
«Was willst du denn schreiben?»
«Das weiss ich eben nicht.»
«Wieso willst du es denn schreiben?»
«Weil ich eine Schriftstellerin bin.»

Ich merkte schon beim Aussprechen dieses letzten Satzes, dass er komisch klingt. War ich ein Aufschneider? Einer, der die Lorbeeren sammelt für etwas, das er nicht getan hat? Heisst Schriftsteller sein nicht auch Bücher veröffentlichen? Und was hatte ich? Nichts. Kein Buch. Kein gar nichts. Ein paar Gedichte vielleicht. Anfangs von Herzen und Schmerzen beseelt, später etwas hochstehender, aber ein Rilke ist an mir auch nicht verloren gegangen. Und so habe ich immer wieder mit dem Gedichteschreiben aufgehört. Um dann auch wieder damit anzufangen, immerhin ging das irgendwie. Und es kamen Worte aufs Papier. Und das fühlte sich dann so an, als ob ich wäre, was ich bin. Die Selbstzweifel haben sich dann schnell wieder gemeldet.

Da gab es mal ein Romanprojekt. Ich hatte einfach alles, was ich je erlebt habe in meinem Leben, zusammengeschrieben, damit es etwas origineller erschien, noch ein paar passende Gedichte an passende Stellen eingefügt und fertig war die ganze Sache. Dass es mich dann doch nicht so überzeugt hat, liegt wohl daran, dass ich besser erkenne, ob ein Roman gut ist oder nicht, als dass ich einen wirklich guten selber schreibe. Das Erkennen des Romans ist quasi mein Beruf und das klappt ganz gut. Ich weiss sogar theoretisch, wie man einen schreibt, wie man dabei vorgeht, was man beachten sollte. Aber eben, Theorie ist Schall und Rauch und macht noch keinen Roman.

Ich habe auch mal einen Kurs besucht, in dem es hiess, man lerne Schreiben. Und die, welche ihn gab, konnte das auch, schliesslich hatte sie im Gegensatz zu mir schon Bücher veröffentlicht. Ich fand die zwar toll, aber noch toller fand ich sie als Person und der Kurs war in meiner Nähe. Schreibt einfach drauf los. Meinte sie. Ohne zu denken. Schon die erste Hürde. Nicht denken. Das konnte ich kaum. Irgendwie dachte es meist mit mir. Irgendwas schwirrte ständig durch den Kopf und so sehr ich mich auch bemühte, es ging nicht weg. Und wenn es weg ging, dann kam bestimmt gleich etwas Neues. Und das ging dann immer so weiter. Und je mehr ich mich bemühte, der Gedanken Herr zu werden, sprich, sie los, desto mehr kamen die. Irgendwie hatten sich die gegen mich verschworen oder es gefiel ihnen in meinen Hirnwindungen. Vielleicht weil sie da so schön drehen konnten.

Ich schrieb dann trotzdem drauf los. Und was soll ich sagen: Es kamen auch Worte zu Papier und ich kam vom Hundertsten zum Tausendsten und drehte und kam zurück und erkannte in allem keine Geschichte. Irgendwie. Und irgendwie doch. Mit der Zeit hatte sich ein Fluss eingestellt und ich hatte etwas gefunden, woran ich blieb und das ich ausbaute. Und als die vorgegebene Zeit um war (wir sollten ja nicht unendlich lange unendlich viel schreiben, so gedankenlos, wo führte das auch hin?), waren doch einige Seiten vollgeschrieben und ich fühlte mich wie eine richtige Schriftstellerin. Es war noch kein Buch, aber he, alles fängt mal klein an, ein Buch auch mit einigen Seiten.

«Was machst du?»
«Ich denke immer noch nach.»
«Worüber?»
«Was ich schreiben soll.»
«Und hast du schon etwas gefunden?»
«Nein, sonst würde ich nicht mehr denken, sondern schreiben.»
«Wieso schreibst du nicht einfach das auf, was du denkst?»
«Das ist eine gute Idee.»

Das Gesicht wahren

Grillen zirpen zirrilierend, stellen
ihre Flügel auf. Sie zeigen eifrig
ihr Begehren, nehmen dazu gern
in Kauf von allen, auch von völlig Fremden,

So gehört zu werden; nehmen gerne
auch in Kauf, dass and’re sich dran stören,
Ruhe wünschen, sie auslachen ob
Der just entfachten, jubelschwang’ren Lust.

Wäre ich doch auch so mutig, wäre
ich doch auch so frei, und könnte die
Gefühle zeigen, wie sie sind, und nicht

mich schämen, weil ich fürchte, anzustehen,
statt Erhören, Spott zu ernten und drum
mein Begehren still in mich zu kehren.

©Sandra von Siebenthal

Wenn’s reimt, ist’s ein Gedicht!

«Ich bin nun Dichter.»
«Wieso? Rinnt nix mehr rein?»
«Du bist blöd, ne, so wie Rilke. So mit Reimen.»
«Du hast ein Gedicht geschrieben?»
«Nein, aber den Anfang von einem. Willste hören?»
«Na klar, ich bin gespannt.»

«Gekitzelt der Kürbis krakelt,
im Auto der Dackel wackelt,
gekitzelt von Fahrtes Wind,
krakeeeelt der Kopf geschwind.»

«Das ist alles?»
«Das ist immerhin ein Anfang. Und es reimt.»
«Aha…»
«Und es hat so diesen Analreim zusätzlich.»
«Analreim?»
«Na, so dieses Wiederholte drinrin.»
«Anapher?»
«Du immer mit deinem abgehobenen Getue und deinen Fremdworten. Hier geht es um Sinn und Seele.»
«Und wo steckt die, im Kürbis oder im Dackel?»
«Ich seh schon, du hast von Dichtung keine Ahnung.»
«Eventuell wärst du auch besser dichter.»

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Geschichte für die ABC-Etüden – Die Wörter für die Textwochen 44/45 des Schreibjahres 2021 stiftete Christian mit seinem Blog wortverdreher. Sie lauten:

Kürbis, kitzlig, krakeln. Die Regeln: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Einladung bei Christiane: HIER

Geheime Notizen

«Was machst du da?»
«Ich schreibe.»
«Was schreibst du?»
«Sag ich nicht.»
«Wieso nicht?»
«Weil es dann ja gesagt wäre, dann müsste ich es nicht mehr schreiben.»
«Doch, dann könnte ich es nachlesen, wenn ich es vergessen hätte.»
«Es ist aber nicht für dich bestimmt, nur für mich.»
«Wieso schreibst du es dann auf? Du könntest es auch nur denken.»
«Dann könnte ich es vergessen, das will ich nicht.»
«Ist es so wichtig?»
«Für mich im Moment schon.»
«Dann ist es für mich auch wichtig.»
«Ich zeige es dir aber nicht.»
«Bist du kitzlig? Dann kitzle ich dich so lange, bis du es zeigst.»
«Ich bin so kitzlig wie ein Kürbis.»
«Kürbisse sind nicht kitzlig. Wobei ich noch nie versucht habe, einen zu kitzeln.»
«Dann solltest du es bei mir auch nicht probieren.»

«Du warst ja doch kitzlig.»
«Gib mir das sofort zurück.»
«Nein, das lese ich nun.»
«Was muss ich tun, dass du es nicht liest?»
«Du kannst nichts tun, ich will das nun lesen.»
«Bist du kitzlig?»
«Nein.»
«Nicht mal wie ein Kürbis?»
«Nein, der war ja offensichtlich kitzlig.»
«Und wenn du es gelesen hast?»
«Dann weiss ich, was dir wichtig ist.»
«Wieso willst du das wissen?»
«Weil ich dich mag. Ich will dich verstehen.»
«Oh…»
«Das kann man ja gar nicht lesen, das ist ja nicht geschrieben, das ist gekrakelt.»
«Ja, so geht es mir auch immer.»
«Wieso schreibst du es dann doch auf?»
«Weil ich mich dadurch selber besser verstehe.»

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Geschichte für die ABC-Etüden – Die Wörter für die Textwochen 44/45 des Schreibjahres 2021 stiftete Christian mit seinem Blog wortverdreher. Sie lauten:

Kürbis, kitzlig, krakeln. Die Regeln: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Einladung bei Christiane: HIER

Abbild der Zeiten

Matt geworden von der Zeiten Lauf
hängt er seit Jahren an der Wand. Ein Bild,
das keinen Inhalt trägt und nie verklärt,
nur spiegelt was sich neu ihm zeigt.

Ich seh’ ihn an und sehe mich, und um
mich rum nur wenig Welt, wie wenn ich ganz
alleine wär’ für alle Zeit, die dieses
Bild vor mir aufschlägt bis weit zurück.

Ich seh’ mich jung durch alle Falten, sehe
freies Walten, wenig Pflicht, nur einfach
tun. Ich sehe Leiden auch und Bangen,

Seh’ mich suchen, manchmal finden, alles
steht in dem Gesicht. Ich möcht’ nichts missen,
doch noch einmal jung sein möcht’ ich nicht.

©Sandra von Siebenthal

Leben zwischen Welten

Sie nennen ihn den Direktor. Aus der Welt, wo er das wirklich war, ist er schon lange gefallen. Er erinnert sich noch gut an die Blicke, als er seine Sachen im Büro packte und ging. Vorher hatte ihn der Verwaltungsrat zu sich gerufen. Vereint sassen sie alle da, rund um den Tisch, alle akkurat gescheitelt und herausgeputzt. Mit undurchdringlichem Blick schauten sie ihn an, als er eintrat. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete, aber er war sicher, dass es nichts Gutes war.

Er sei nicht mehr tragbar. Es täte ihnen leid. Er müsse verstehen. Sie hätten keine Wahl. Es sei besser für alle.

Er hat nur noch einzelne Sätze im Kopf. Die, welche ihn wie Messerspitzen trafen. Er sass da und schwieg. Natürlich wusste er, dass in der Vergangenheit nicht alles optimal gelaufen war. Angefangen hatte alles, als Claudia von einem Tag auf den anderen ausgezogen ist. Wobei – war das wirklich der Anfang gewesen?

Der Druck im Büro war immer grösser geworden, so dass er mehr und mehr Überstunden gemacht hatte. Er nahm die Arbeit jeden Abend mit nach Hause, wenn nicht auf Papier, so doch im Kopf. Claudia hatte oft gesagt, dass es so nicht weiter gehen könne. Er dachte, das sei nur eine Phase. Das ginge vorbei. Aber sie liebten sich. Es käme alles besser. Ob er es wirklich selbst glaubte?

Es ging nicht vorbei. Er merkte, dass es ihm half, abends bei einem Glas Wein abzuschalten. Aus einem wurden zwei. Später drei. Während er sich in den Alkohol flüchtete, verabredete sie sich abends immer öfters allein. Ein Teufelskreis: Er fühlte sich allein, überfordert, verkroch sich noch mehr in seine Arbeit und den Alkohol, sie war immer weniger da. Immerhin machte sie ihm keine Vorwürfe mehr.

Im Nachhinein wünschte er sich, sie hätte ihm weiter welche gemacht. Doch hätte es was gebracht? Hätte es etwas gegeben, das ihn wirklich hätte aufrütteln können, das etwas geändert hätte? Sie habe keine andere Wahl mehr gehabt, sagte sie. Und er? Hatte er eine gehabt? Er hatte sie zumindest nicht gesehen. Oder hatte er sich nicht getraut, sich anders zu verhalten, sich aus dem System zu befreien, in dem er sich tagtäglich abstrampelte? Aus Angst davor, was kommen könnte?

Als Claudia weg war, gab es kein Halten mehr. Der Alkohol war sein Lebensretter, sein täglicher Begleiter, ohne ihn ertrug er den Alltag gar nicht mehr. Tagsüber hielt er sich mehrheitlich zurück, aber abends holte er umso mehr nach – erst nur Wein, später Whiskey und härtere Sachen. Er spürte innerlich, dass es nicht so weiter gehen könnte, er wusste, dass er keinen guten Weg eingeschlagen hatte, aber er war darin gefangen.

Und dann kam dieser Morgen, als das Telefon klingelte und eine Stimme sagte: «Kommen Sie ins Sitzungszimmer, Sie werden erwartet.» So sassen sie auch da: Erwartungsvoll. Er fühlte sich, als beträte er eine Bühne und alle warten gespannt auf seinen Auftritt, während er vergessen hatte, welches Spiel gespielt wird.

Danach musste er packen. Unter Aufsicht von zwei Sicherheitsbeamten, die ihm später alle Schlüssel abnahmen und ihn zur Tür begleiteten, räumte er seine persönlichen Dinge zusammen. Das war das Ende. So dachte er zumindest, aber es war erst der Anfang.

Nach und nach waren auch die Freunde weg. Er müsse verstehen. Man feiere lieber als Paar mit anderen Paaren, das sei für alle lustiger. Man müsse den eigenen Stand wahren, er passe da nicht mehr rein in seiner Situation. Das sei nicht persönlich. Er kenne das ja. Auch in der Familie bemerkte er Veränderungen. Traf man sich zufällig auf der Strasse, spürte er ihre Blicke auf sich. Zu Festen wurde er nicht mehr eingeladen, anscheinend war immer der Rahmen so, dass er herausfiel. Er kannte den Grund dafür gut. In dieser Familie passierte so etwas nicht. Das Bild zu wahren war oberstes Gebot. Der schöne Schein war wichtigstes Ziel.

Als der Alkohol immer mehr und das Geld immer weniger wurde, musste er die Wohnung verkaufen. Er zog in eine billige Einzimmerwohnung. Mehr brauchte er nicht. Da wohnt er noch heute, auch wenn er eigentlich kaum da ist. Meist sitzt er auf seiner Bank im Park direkt unter der Linde. Er ist nicht allein täglich im Park. Aber er sitzt allein auf seiner Bank, während die anderen alle zusammen etwas weiter weg sitzen. Sie sind also zwar da und irgendwie doch nicht. Wenigstens verachten sie ihn nicht wie all die, aus deren Welt er gefallen ist. Im Gegenteil: Sie nennen ihn hier immer Herr Direktor. Er ist keiner von ihnen. Er wird es wohl nie sein. Er ist etwas Besseres, sagen sie, und doch ist er es nicht. Sie zählen ihn zu einer anderen Welt, zu einer, aus welcher er schon lange gefallen ist. So sitzt er allein auf seiner Bank zwischen den Welten.