Was gehört sich für ein Mädchen?

Nach langer Zeit der impliziten und auch expliziten Verweigerung habe ich mich in der letzten Zeit mehr und mehr dem Feminismus zugewandt, lange mehr am Rand mit immer stärker wachsendem Wunsch, tiefer zu tauchen. Ich merkte beim Lesen immer wieder, wie viel mich verbindet mit der Thematik, bei wie vielen Gelegenheiten ich mich erkannte, zustimmend nickte, betroffen schluckte. Was ich früher in geselliger Runde gerne belächelte und mit markigen Sprüchen bedachte, die Vehemenz, die ich teilweise dagegen führte, sie waren geschwunden und einer betretenen Erkenntnis gewichen: Das geht mich was an, das trifft mich tief drin, ich darf nicht wegschauen. Nicht bei mir und nicht da draussen.

Was ich tief drin fühle und wichtig und richtig finde, was ich nach aussen vertreten will, weil nur so ein Beitrag zu dem geleistet werden kann zu einer Sache, die notwendig ist, wollte ich bekennen. Auf die Fahnen Feminismus schreiben. Und ich zögerte. Ich wich auf Intersektionalität aus, da ich fand (und durchaus immer noch finde), dass es darum geht, Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen zu thematisieren. Ich weitete gar zum Humanismus und zur Existenzphilosophie aus, da es ja schlussendlich Ziel sein muss, den Menschen zuerst mal als Existenz ohne Zuschreibungen zu sehen, um ihn dann als je eigenes Wesen würdevoll zu behandeln. Ich ging noch weiter und landete bei der sozialen Gerechtigkeit, damit natürlich wieder im Bereich dessen, was ich über Jahre studiert habe und worauf ich spezialisiert war.

Alles war gut, nur der Begriff Feminismus wollte mir nicht aus den Fingern fliessen. Ich hatte so viele Bedenken im Kopf: «Was werden die anderen denken?», «Man wird mich nicht mehr mögen.», «Man wird mich belächeln.», «Man wird mich abstempeln.», «Man kann mich angreifen.» Durch diese positionierung fürchtete ich, auf eine Weise sichtbar zu werden, die nicht gefällig war, die polarisierte, die auffiel. Alles, was ich von klein auf gelernt hatte, dass ich das vermeiden sollte, vor allem als Mädchen. Gut und richtig war ich, wenn keiner merkte, dass ich da war, weil ich nicht auffiel. Vor allem nicht negativ Genügt habe ich, wenn ich mustergültig still und unhörbar und unsichtbar war. Nur dann artig antwortend, wenn ich gefragt wurde. Und natürlich musste es die (von aussen so definiert) richtige Antwort war.

Zu merken, wie tief diese Muster und Vorgaben sitzen, hat mich erschüttert. Nicht, dass ich es nicht geahnt hatte, es fiel mir immer wieder auf. Und hier wieder ganz bewusst. Wie oft hatte ich im Leben gefallen wollen, wie oft Ungerechtigkeit geschluckt. Wie oft habe ich geschwiegen bei anzüglichen Bemerkungen und Abwertungen, wie oft wurde ich um eine Chance gebracht, nur weil ich eine Frau war (explizit). Und immer hatte ich gelächelt, habe ich nachgegeben, meinen zugewiesenen Platz wieder eingenommen. Wie oft habe ich klein beigegeben, bin nicht hingestanden und habe gekämpft. Um des lieben Friedens willens.

Wie lange soll ich noch so weiter machen? Ist der Preis nicht zu hoch gewesen all die Jahre? Hat mir irgendjemand diese Resignation gedankt? Mir die Wunden lecken geholfen? Wie oft hörte ich bei einem kleinen Versuch des Aufbegehrens, ich soll mich nicht so haben, ein wenig Spass verstehen, sei alles nicht so ernst gemeint. Aber he: Es war abwertend, sexistisch, verachtend. Es war unterdrückend, unfair und Grenzen überschreitend. Es war nicht richtig. Und es darf nicht immer so weiter gehen. Für niemanden. Auch nicht für mich.

Leider ist es nicht so, dass ich nun, nachdem ich das alles aufgeschrieben habe, hingehen und mir überall auf die Fahnen schreiben kann, ich sei eine Feministin. Zu tief sind meine Prägungen, meine Ängste. Aber ich schaue hin, sehe sie, gehe sie an. In Schritten. Einer davon ist, über meine Erkenntnisse zu schreiben. Das hilft mir einerseits, mir noch klarer darüber zu werden, was in mir vorgeht, und bringt andererseits die Chance mit sich, dass sich jemand auch angesprochen fühlt und vielleicht einen Teil des Weges mitgeht oder selber einen Weg für sich erkennt.

6 thoughts on “Was gehört sich für ein Mädchen?

  1. Das Thema ist sehr aktuell! Meine Tochter ist 16 Jahre alt. Sie absolviert nächste Woche die mündliche Deutschprüfung auf Stufe Gymnasium. Das Thema wurde ihr von der Lehrerin heute vorgegeben: “Die gleichgeschlechtliche Ehe”. “Hmm”, dachte ich: “An der Schule wird Philosophie unterrichtet. Eine katholische Kirche steht neben dem Schulgebäude. Soll ich ihr raten, was sie für eine Meinung äussern soll?”.

    Und die Experten: Was sind das für Menschen? Sind es Freidenker, sind es Gläubige Christen? Haben diese eine progressive oder eine konservative Werthaltung? Und die Identitätsfindung der eigenen Tochter? Welches Rollenbild ist ihr zugedacht? Wie frei dürfen wir wirklich sein und wie frei dürfen wir wirklich (laut) denken?

    Beim Lesen Ihres obigen Artikels bin ich gerührt, betroffen und getroffen zugleich! Die tiefgründigen, äusserst privaten Gedanken der eigenen Persönlichkeit zu markieren, zu bezeichnen, braucht auch in unserer Gegenwart ein Quäntchen Mut. Der früher einzig mögliche, gangbare Weg der gemischtgeschlechtlichen Partnerschaft, der Ehe, die einzig erlaubt gewesen war, hat Abzweigungen erhalten: Er darf ihn und sie darf sie heiraten! Dürfen darf man(n)/frau – doch wie stellt man sich der Gesellschaftskritik?

    Ich möchte meinen, die Gedanken im Artikel “Was gehört sich für ein Mädchen?” sind eine gute Vorbereitung für das Thema dieser obenerwähnten mündlichen Deutschprüfung. Stimmen Sie mir zu, Frau Doktor von Siebenthal; denken Sie das auch?

    1. Herzlichen Dank für Ihren Kommentar mit der Einsicht in Ihre Gedanken, auch bezüglich Ihrer Tochter. Ihr wünsche ich natürlich viel Glück bei den Prüfungen und dass sie den richtigen Ton findet, der ihr selber entspricht und auf offene Geister stösst.

      Es ist gerade in Systemen nicht immer einfach, die eigene Meinung zu vertreten, zumindest nicht dann, wenn man abhängig ist.

      Es hat sich schon viel geändert in Sachen Öffnung, doch in den Köpfen herrscht noch oft die alte Struktur. Das ändert nicht von heute auf Morgen, das wird Zeit brauchen. Es wird aber nur ändern, wenn wir die Strukturen immer wieder hinterfragen und Zweifel auch laut werden lassen.

      Mit herzlichen Grüssen und nochmals mit den besten Wünschen an die Tochter.

  2. Reblogged this on Der Bücherflüsterer and commented:
    All das ist bittere Realität. Wer (welchen Geschlechtes) macht wann den Mund auf. Einer der Gründe warum ich den Roman von Rahel Senn “Ozelot” so schätze. Die weibliche Hauptfigur Iris von Roten ist ein Leuchtturm. Mit einem mehr als traurigen Ende. Ich betreue zur Zeit (ehrenamtlich und nicht allein) Schülerinnen. zwischen 12 und 17. Diese haben sexuelle Gewalt erfahren. Verbal und körperlich. Der Treppenwitz. Durch einen Sportlehrer. Da fließt so viel Blut durch die Seele. Wenn ich Deinen Fragenkatalog betrachte….und als solchen sehe ich einige Momente. Es hat sich nichts geändert. Nur der Rückschritt nahm wieder fahrt auf. Insgesamt gilt mein liebster Artikel des Grundgesetzes. Artikel 1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und genau in diese Richtung zielt Dein Beitrag. Aus meiner Sicht.

Leave a Reply to Ida Vetterli Cancel reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s