Schneller Abstieg

Ich fuhr auf der langen graden Strasse, der Hügel mit dem stolzen roten Haus drauf kam näher und näher. Ich blickte hoch und dachte an meinen Aufstieg und die Begegnung auf Tuchfühlung zurück. Ich dachte daran, wie ich mit der Hand die Blessuren in der Wand spürte und eine Mischung aus Enttäuschung und Wehmut spürte. Früher, als ich das Haus nur von fern kannte, war es in meiner Vorstellung so gross und so stolz gewesen. In so einem Haus zu wohnen, war unvorstellbar, viel zu gross war es, schlicht jenseits meiner Welt und meiner Möglichkeiten. In meiner Welt war alles kleiner und bescheidener.

Das erinnerte mich an meine eigene Geschichte. Thomas und ich trafen uns bei einer Lesung und waren uns sofort sympathisch. Wir beschlossen, das Gespräch in einem Café weiterzuführen. Es war bald klar, dass wir uns wiedersehen würden, da wir viele gemeinsame Themen hatten und uns der Stoff wohl nicht so schnell ausgehen würden. Thomas erzählte schon damals viel von seiner älteren Schwester, die einen zentralen Platz in seinem Leben einnahm, was wohl auch ihrer gemeinsamen Geschichte geschuldet war. Ihre Mutter war früh gestorben und Susanne hatte sich oft um Thomas gekümmert, war für ihn da gewesen.

Thomas und ich wurden bald ein Paar und irgendwann wollte mich Thomas seiner Schwester vorstellen. Ich erstarrte bei der blossen Vorstellung, all meine bislang gut verstauten Ängste kamen auf: Was, wenn sie mich nicht mochte? Sie, die Thomas so wichtig war, auf deren Urteil er so viel gab? Thomas beruhigte mich sofort, seine Schwester sei sehr umgänglich, sie hätte sogar selbst Bedenken, weil sie dächte, mir nicht gewachsen zu sein – ich hätte im Gegensatz zu ihr studiert. Ich schaute ihn ungläubig an. Ich verstand nicht, wieso er ihr das erzählt hatte, da ich dies selbst kaum erwähnte, es mir schlicht nicht wichtig war. Ich hatte noch nie eingesehen, was an einem Studium so toll sein sollte, es machte keinen besseren Menschen aus einem – zumindest fühlte ich mich nicht als etwas Besseres dadurch. Ich fragte mich zudem, wie jemand auf die Idee kommen könnte, mir nicht gewachsen zu sein, die ich mich doch oft als Mängelwesen bezeichnete, eines, das nie gut genug war. In mir ratterten wie auf Kommando all meine Schwächen und Fehler runter, sie ratterten schnell, denn ich war das Aufzählen gewohnt. Das hatte natürlich alles eine Geschichte und die ging schon lange.

Mittlerweile war ich unter dem Haus angekommen auf meiner Fahrt. Ich warf einen letzten Blick nach oben, fühlte nochmals all die Gefühle, die bei meinem Aufstieg in mir hochgekommen waren, und fuhr weiter, das Haus langsam hinter mir lassend. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte vieles andere auch so einfach hinter mir lassen. All das Leid, die Verletzungen, die Abwertungen nochmals schnell anschauen und dann weiterfahren. Leider klappte das nicht so einfach.

Der Tag des Treffens mit Susanne kam und ich war sehr nervös. Ich kam mir vor, als ob ich zu einer Prüfung müsste, was bei meiner sehr ausgeprägten Prüfungsangst kein schönes Gefühl war. Was, wenn Susanne fände, ich sei doof, nicht gut genug für Thomas? Ich war auf der ganzen Fahrt sehr still. Vor dem Haus angekommen wäre ich am liebsten im Auto sitzen geblieben, wusste aber, dass dies wohl keine Option war. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, zumal ich mich irgendwie ja auch auf das Treffen freute, neugierig war. Ich war gespannt, zu sehen, wie die Frau war, die Thomas so nahestand und von der er so schwärmte. Susanne war sehr nett. Sie und ihre Familie empfingen mich sehr herzlich und schon bald sassen wir am Stubentisch bei Kaffee und Kuchen. Man merkte sofort, dass Susanne und Thomas eine sehr enge Beziehung hatten. Die beiden bestritten das Gespräch praktisch allein, Susannes Blick war unablässig auf Thomas gerichtet.

Als wir wieder auf der Heimfahrt waren, löste sich meine Anspannung gänzlich, sie war schon vor Ort immer weniger geworden. «Ich denke, sie mögen mich, oder?» Thomas bestätigte das und ich freute mich sehr darüber, da ich Susanne auch sofort sympathisch gefunden hatte. Ihr Wesen, ihr Naturell, sie war so ganz anders als ich, genauso, wie ich oft gerne gewesen wäre. Ab diesem ersten Treffen sahen wir uns öfters, immer waren es schöne Momente, immer aber schwang auch ein wenig das Gefühl mit, es wäre nicht gross aufgefallen, wenn ich nicht da gewesen wäre. Damit konnte ich leben, zumal mir Thomas immer versicherte, dass ich wirklich willkommen sei und es ihm was bedeute, wenn ich dabei wäre. Vermutlich hatte er recht und ich sah Gespenster, die wieder einmal meinem mangelnden Selbstwertgefühl geschuldet waren. Auch meine Ängste, dass sie mich vielleicht nach nun mehreren Treffen nicht mehr so nett fände wie am Anfang, konnte er zerschlagen. Sie gründeten, so Thomas, auf meiner steten Angst, als Mängelwesen, als das ich mich sah, erkannt zu werden. Das sähe aber nur ich so, meinte er. Ich war nicht ganz überzeugt, wollte ihm aber doch gerne glauben und sagte mir auch, dass Susanne und ich uns auch noch nicht lange kannten, die Beziehung zwischen den beiden Geschwistern aber so tief war, dass wenig Platz hatte daneben, geschweige denn mittendrin.

Eines Tages stritten Thomas und ich. Auslöser war ein kleiner Tropfen, der quasi ein Fass zum Überlaufen brachte, dies leider mitten in einem Einkaufszentrum und unter den Augen einer Freundin von Susanne – wir hatten sie nicht bemerkt, sie uns umso besser. Wir hatten uns bald wieder versöhnt, damit wäre die Geschichte zu Ende gewesen, aber das Ganze hatte schon weitere Wellen geschlagen. Zweifel kamen auf. Bei Susanne, die natürlich sofort von allem erfahren hatte. Ob ich auch wirklich gut genug sei für Thomas, zumal ich ja wirklich anders und damit oft komisch sei, so still und ernst auch. Schliesslich hätte Thomas es verdient, glücklich zu sein im Leben, er hätte schon genug durchgemacht und Susanne hatte ein Auge auf das Glück ihres Bruders. In dem Auge schien ich nun zum Dorn geworden, zumindest fühlte ich mich so.

Obwohl ich das alte Haus schon lange hinter mir gelassen hatte, fühlte ich bei diesen Gedanken an meine Geschichte plötzlich das Gefühl an meinen Fingern, als ich die spröden Mauern berührt hatte, als ich ganz fein darüber gefahren war mit den Fingerkuppen. In diesem rauen Gefühl lag der ganze Zerfall, der ganze Abstieg von dem erhabenen Gebilde hin zu einer Ruine. Und irgendwie fühlte ich mich damals in der Geschichte mit Susanne und Thomas genauso. Die Mängel waren aufgeflogen, sie hatten mich tief geworfen,  dahin, wo Mängelwesen wohl hingehören.

5 thoughts on “Schneller Abstieg

  1. “Ob ich auch wirklich gut genug sei für Thomas” – was für eine Anmaßung von der Schwester. Bei solchen Aussagen stellen sich mir immer die Nackenhaare. Genau wie bei “das hat er/sie nicht verdient”.

Leave a Reply to Sandra von Siebenthal Cancel reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s