Gross und klein

Schon als ich unten am Berg stand und hochschaute, ahnte ich, dass dieser Weg nicht spurlos an mir vorbei gehen würde. Oben thronte das Haus, majestätisch blickte es über die Stadt, beschienen von der schon hochstehenden Sonne glänzten die Mauern und liessen das Haus förmlich erstrahlen. Es gab kein Tag, an welchem ich nicht unten auf der Strasse an diesem Haus vorbeifuhr, hochschaute und ehrfürchtig ergriffen war von so viel Eleganz und einer irgendwie nicht fassbaren, aber spürbaren Macht und Kraft. Langsam lief ich los, ich wollte es einmal aus der Nähe sehen.

Der Aufstieg war nicht sehr anstrengend, so dass schon bald meine Gedanken abschweiften. Ich dachte an gestern. Einer dieser Abende, wie es viele gab, eine Einladung eines Geschäftspartners von Thomas. Es war wie immer:

Thomas und ich sassen eher schweigsam im Auto, die Stimmung war eher gedrückt, da ich im Vorfeld wohl einmal zu viel gesagt hatte, dass mich der bevorstehende Abend nicht wirklich freut, ich lieber zu Hause geblieben wäre und einen ruhigen gemeinsamen Abend verlebt hätte. Die ewig gleichen Antworten waren gekommen, es werde sicher nett, wenn man mal da sei und manchmal müsse man halt auch Dinge tun, die man nicht gerne macht. Das stimmte zwar durchaus, nur fragte ich mich, ob das zwingend in der persönlichen Freizeit geschehen müsste, da diese doch eigentlich genau das sein sollte, was sie aussagt: Freie Zeit und damit zur freien Verfügung. Nun denn, wir fuhren als, verfuhren uns das obligate Mal, da die kleinen Käffer alle gleich aussehen und die Strassen alle gleich schlecht beschriftet sind. Wenn schon das Navi mit GPS versagte bei der Suche, wie sollten wir es besser können?

Wir kamen schlussendlich doch an, das Haus war schon hell erleuchtet, auf unser Klingeln wurde auch sofort geöffnet. Da stand man dann, wie bei jedem dieser Abende, alle herausgeputzt und mit strahlendem Lächeln, drei Küsse und Freudbekundungen über das Wiedersehen nach so langer Zeit und die ewig gleiche Aussage, dass das Mitbringsel nicht nötig gewesen wäre, dabei taxierend, ob es dem vormals selber mitgebrachten entspräche und abschätzend, was nun für das nächste Mal von einem selber gefordert wäre. Dann ging es hinein in den Eingangsbereich, welcher ähnlich wie überall war: Repräsentativ, anspruchsvoll wirkende Bilder an den Wänden, dekorative grosse Vasen auf den Böden, alles hell beschienen und ins richtige Licht gerückt von einer Designerlampe. Im Wohnzimmer ging es ähnlich weiter, grosse weisse Sofalandschaften mit artig drapierten Kissen, von Interiorsdesignheften inspiriert angeordnete Vasen auf dem Beistelltisch, akkurat aufgestellte Blumentöpfe und darauf abgestimmte Kunstgegenstände bestimmten das Bild, die Bewohner fügten sich passend in dieses ein. Über allem schwebte der Duft des aktuell angesagten Raumparfums – vielleicht war es auch das etwas penetrante Parfum der Gastgeberin.

Langsam wurde mir warm beim Aufstieg. Ich schaute auf die wilde Natur um mich, sah die schon langsam braun werdende Wiese, einzelne Kakteen und Steinwände, aus welchen da und dort kleine Pflänzchen ihren Weg gefunden hatten. Es roch nach frischen Kräutern. Die Sonne stand schon höher als vorher, das Haus war im Moment verdeckt durch die Bäume am Wegrand, welche mir zum Glück etwas Schatten spendeten. Sie hatten mich aus dem Bannkreis des dominant aufragenden Hauses in eine einfache Welt geworfen, in welcher ich ganz mit mir alleine war – und mich irgendwie im Reinen fühlte. Etwas, das ist gestern vermisst hatte.

Beim Apéro standen die immer gleichen Fragen in der Luft, hatte man doch in der langen Zeit des Nichtsehens vergessen, was letztes Mal schon gesprochen worden war. Und es hatte vielleicht auch nicht wirklich interessiert, so dass man es sich schlicht nicht merken musste. In mir zog eine leichte Unruhe auf. Ich hielt mich an meinem Glas, schob mechanisch scharfe Nüsse und Salzbrezel in mich rein, lächelte freundlich, beantwortete die Fragen, hörte zu. Ich wartete aufs Abendessen, erstens, weil ich dann mehr Beschäftigung hätte durchs Essen, zweitens weil dann ein Punkt abgehakt wäre und das Ende nicht mehr ganz so fern wie beim Kommen. Langsam löste der Wein meine Zunge, die Laune besserte sich. Die Leute waren gar nicht so übel, im Gegenteil, sie waren sogar nett. Und eigentlich auch spannend, hätte man sich mehr auf sie einlassen können. Aber das war nicht der Sinn solcher Zusammenkünfte, sie waren nicht zum Bilden einer Freundschaft ausgelegt, sondern zum Austausch von Höflichkeit gedacht als Zeichen des bestehenden Kontakts und der Wertschätzung in Bezug auf die Zusammenarbeit.

Irgendwann war es so weit – wir wechselten zum Esstisch für das Abendessen. Ich war nicht mehr nur froh, weil das ein Zeichen des fortschreitenden Abends war, sondern weil ich nach dem dritten Glas Wein dringend etwas Richtiges zu Essen brauchte, um etwas Boden zu schaffen. Immerhin ging es mir mittlerweile besser. Ich schaute in die Runde. Alle waren fröhlich, lachten, erzählten von den Erfolgen ihres Lebens, von den Höhepunkten ihres Daseins, von Reisen an entlegene Orte und Anschaffungen teurer Lebensverschönerer.

Ich fühlte mich irgendwie verloren, eingeschüchtert von so viel Erfolg und Schönheit. Meine Welt war eine andere. Nicht dass ich mit meinem Leben nicht zufrieden wäre oder neidisch auf ihres, aber bei mir erschien mir alles so viel kleiner. Ich hatte so viele Schwächen, hatte kein Leben auf der Durchfahrtstrasse, sondern eher eines auf Umwegen, mit Umbrüchen, Abbrüchen. Zwar hatte ich durchaus viel gelernt dadurch, auch viel Schönes erlebt, aber nichts so Beeindruckendes zu erzählen. In diesem Umfeld wirkte es eher wie ein Versagen denn als Erfolgsgeschichte. Ich kam mir vor wie ein Mängelexemplar, welches aus Versehen ins Regal der Luxusbildbände eingereiht worden war.

Die Bäume über mir lichteten sich und gaben den Blick auf das Haus wieder frei. Von Nahem war es noch grösser, als es von unten erschienen war. Als ich nun so nah dran war, ragten die roten Wände förmlich in den Himmel hinauf. Und doch hatte es viel von seiner Strahlkraft eingebüsst. Die Wände waren teilweise eingefallen, der Putz bröckelte. Die Fensterscheiben waren grossenteils zerbrochen und um das Haus wucherte das Unkraut schon mannshoch.  Es war immer noch imposant in seiner Grösse, und doch relativierte alles durch das Sichtbarwerden der kleinen Blessuren.

Was dieses Haus wohl schon alles erlebt hatte? Welche Geschichten es erzählen könnte, wenn es wollte? Was könnte ich von dem Haus alles lernen über verschiedene Leben, die gelebt wurden in diesen Mauern? Ich lief um das Haus herum, es gab keine Tür, die sich hätte öffnen lassen. Das Haus war schon lange unbewohnt und es würde wohl auch nie mehr bewohnt sein. Es war dem langsamen Zerfall ausgeliefert. Ob es irgendwann in sich zusammenfallen und nicht mehr oben am Berg thronen würde? Ich legte meine Hand an die Wand und spürte den rauen Stein. Obwohl die Wand von der Sonne beschienen war, wirkte doch alles kalt auf mich.

Ich schaute auf die Strasse hinunter, sah mein Auto klein und unscheinbar dastehen. Etwas weiter weg erstreckte sich die Stadt über die tiefliegende Ebene, beschienen von der nun am Höhepunkt stehenden Sonne. Ein kleines Haus reihte sich ans andere, alle glitzerten sie weiss im hellen Licht. Es war keines so eindrücklich wie das grosse rote neben mir. Keines war mir je so ins Auge gestochen wie dieses. Wenn ich sie nun so daliegen sah, lag etwas Tröstliches in ihnen. Sie waren nicht allein, sie standen zusammen und bildeten eine Gemeinschaft. Wie sie da so in der Sonne glitzerten, lag auch eine Schönheit in ihnen. Und das wichtigste: In jedem von ihnen wohnte jemand, der für sein Leben ein Zuhause gefunden hatte, einen warmen Ort der Geborgenheit. Der Gedanke hatte etwas Tröstliches für mich. Und ich fragte mich, ob es nicht vielleicht bei den Menschen gleich war. Vielleicht steckte hinter dem schönen Schein noch mehr, das aus der Ferne nicht sichtbar wurde. Und vielleicht halten wir Menschen oft auf Distanz, dass sie nicht hinter die Fassade blicken können.

Irgendwann war der Abend zu Ende, wir brachen auf. Es war ein schöner Abend gewesen, alle versicherten wir einander, dass wir nicht wieder so viel Zeit verstreichen lassen sollten bis zum nächsten Treffen und wir meinten es irgendwie sogar so, obwohl wir wussten, dass es wieder so kommen würde. Schlussendlich hatte man noch die vielen anderen gleichen Verabredungen, die alle auch noch anstanden. Als wir heimkamen und ich in unsere Wohnung trat, fühlte ich mich zuhause und es wurde mir warm ums Herz. Zum ersten Mal heute Abend. Und irgendwie war ich dankbar für diese nicht so herausgeputzte Wohnung, mein nicht so perfektes Leben, mein nicht so makelloses Sein. Es war alles gut.

8 thoughts on “Gross und klein

  1. Die Szene wirkt sehr nah und berührend. Vor allem wird mir klar, dass wir alle Menschen, ob vermeintlich groß oder klein, doch ein inniges Wunschpaket in uns tragen: Anerkennung, Geborgenheit und Liebe. Danke für dieses schöne Bild.

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