Fallende Steine

Wie immer, wenn Claudia auf dieser Strasse fuhr, schaute sie zu dem roten Haus, das ganz oben auf dem Hügel stand. Man hätte sagen können, es throne majestätisch über dem Ort, doch es war über die Jahre so verfallen, dass es ein ziemlich abgehalfterter König gewesen wäre, einer, der den richtigen Zeitpunkt zu gehen verpasst hätte.

Woran erkannte man eigentlich, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist zu gehen? Was war zu früh, wann hatte man noch zu wenig probiert, zu wenig gekämpft, zu wenig ertragen? Musste man nicht auch mal ausharren, wenn es nicht so leicht geht?  Auch dann noch bleiben, wenn man nicht mehr die beste Falle macht, sondern vielleicht auch müde ist von all den vergangenen Mühen und Nöten, nagenden Sorgen und verlorenen Schlachten?

Und andersrum: Wenn man zu lange blieb? Hatte man irgendwann den richtigen Zeitpunkt zu gehen verpasst und ein Gehen war kaum mehr möglich? Hatte man dann zu lange ausgehalten, was eigentlich nicht auszuhalten gewesen wäre, zu lange das Unerträgliche ertragen und zu lange alle guten Gründe zu gehen widerlegt, so dass keiner mehr blieb, auf den hin man wirklich hätte gehen können?

Claudia hatte keine Ahnung, sie wusste nur, dass sie nicht enden wollte wie dieses rote Haus, aus welchem langsam die Steine brachen, das seine Majestät nur noch durch seine Lage auf dem Hügel und nicht mehr durch sein eigenes Sein hatte. Heute würde sie mit Thomas reden. Bestimmt.

Sie würde ihm von dem Haus erzählen und von ihrer inneren Leere. Sie würde ihm sagen, dass auf sie beide noch mehr wartet als der langsame gemeinsame Verfall. Sie würde ihm sagen, dass es lange eine schöne Zeit war, doch diese schöne Zeit immer weniger schön und die schönen Momente immer weniger neben anderen geworden waren. Sie würde ihm sagen, dass es ihr nicht leicht falle, dass sie bei all den Gedanken an das mal Schöne aber leider vergangene auch traurig sei. Sie würde ihm aber auch von ihrer Angst erzählen, der Angst davor, dass irgendwann so viele Steine aus ihr gebrochen seien, dass sie keine stabilen Wände mehr hätte und dann zu wenig Kraft selbst zu stehen. Sie würde ihm sagen, dass sie nicht zusammenbrechen oder nur noch mit Hilfe aufrecht bleiben wolle.

Das Haus war schon lange aus ihrem Blickfeld verschwunden. Bald kam die Abzweigung nach Hause. Sie stellte sich vor, wie sie das Auto parkte, ins Haus ginge, Thomas sähe und ihm all das erzählte. Sie stellte sich seinen Blick vor, wie gut sie ihn doch kannte. Sie wusste genau, wie er sie anschauen würde, ungläubig zuerst. Wie er dann anfangen würde zu lachen, etwas sagen würde wie: «Ach du, was ist dir wieder über die Leber gelaufen? Was sind das für Fantasien?» Und sie wüsste, dass er nichts von all dem, was sie ihm erzählen wollte, verstehen würde. Und irgendwie verstand sie es auch selbst nicht. Sie wusste nur eines: Es käme wieder. Und immer wieder. Und immer schneller wieder.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s