Vive la Résistance – oder «M»an stellt um

Heute wird ein guter Tag, ich wusste es schon beim Aufstehen. Voll motiviert setzte ich mich an den Esstisch und schrieb meine Einkaufsliste. Tat ich dies in der Vergangenheit leicht chaotisch, notierend, was mir grad so in den Sinn kam, um dann wie ein aufgescheuchtes Huhn kreuz und quer durch das Einkaufszentrum zu rennen bei der Abarbeitung, hatte ich nun eine neue Strategie. Mein Nachbar hatte mir am Abend zuvor von seiner Methode erzählt. Er gehe beim Erstellen der Einkaufsliste im Kopf durch den Laden und schreibe die zu kaufenden Dinge in der Reihenfolge auf, wie man sie beim Laufen durch die Gestelle anträfe. Ich hatte zwar schon davon gehört, es aber bislang nie umgesetzt. Wann, wenn nicht heute?

Gesagt, getan, und so sass ich schon bald im Auto auf dem Weg zum Einkaufszentrum, laut Beethoven pfeifend, welcher gerade im Radio sein Klavierkonzert gab und um meine Unterstützung sicher dankbar war. Schon beim Hochfahren mit der Rolltreppe ahnte ich Böses. Es sollte sich bewahrheiten. Beim Eingang stand ein Schild:

«Wir modernisieren für Sie. Für ein noch besseres Einkaufsgefühl.»

Die bauten das Zentrum um. Also nicht komplett, nur innendrin. Und auch da nicht ganz, sie räumten nur die Waren aus den Regalen und räumten sie an anderer Stelle wieder in andere Regale. Und ich stand da. Mit meiner Einkaufsliste in der Reihenfolge der alten Ordnung, nicht der modernen. Schon bald sah man mich wieder in alter Manier, der des aufgescheuchten Huhns, dieses Mal zusätzlich suchend, durch die Regale rennen. Nur: Dieses Mal war ich nicht allein, ganz viele andere Hühner suchten mit, alle laut schimpfend, alle die Hände in die Luft werfend und schnaubend.

Wir sahen uns gegenseitig beim Eilen, Suchen, Schnauben, Schimpfen und etwas Wundersames passierte: Wir verbrüderten uns, wir hatten nun einen gemeinsamen Feind: Das Einkaufszentrum mit seiner perfiden Idee der verwirrenden Umverteilung. Wir verstanden uns wirklich gut in unserem Groll, es bildete sich eine Solidarität heraus. Wann immer jemand hörte, was der andere brauchte und er wusste, wo es zu finden war, rief er dem noch Suchenden die Stelle zu. Auf diese Weise kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die mir im Vertrauen sagte:

«Das ist eine reine Marketingstrategie, das habe ich mal in einem Seminar gelernt, als ich selber noch für dieses Zentrum arbeitete. Die räumen in regelmässigen Abständen alles um, damit die Einkaufenden durch alle Regale laufen müssen, dabei neue Dinge sehen und dann mehr kaufen.»

Da war es um den letzten Rest meiner Beherrschung geschehen.

«So nicht mit uns!»

Sie nickte mir zustimmend zu.

«Das machen wir nicht mit, oder?»

Sie nickte wieder und um uns herum sah ich noch mehr Zustimmung!

«Heute kaufen wir NICHTS, was nicht auf der Liste steht – egal, wie lange wir suchen und was wir sehen.»

Wir waren uns einig. Das war wohl der erste Tag, an dem ich nur mit dem wirklich Nötigen heimkam. Den ungläubigen und leicht bewundernden Blick des Mannes zu Hause werde ich meiner Lebtage nicht vergessen. Danke, lieber oranger Riese!*

*Für meine Nicht-Schweizer-Leser: Das ist ein grosser Einkaufskonzern in der Schweiz.

5 thoughts on “Vive la Résistance – oder «M»an stellt um

  1. Ich kenne diese Situation. Seit Jahren. Als ich noch Windeln kaufen musste. Weg. Woanders. Für diese Geschäfte eine feine Möglichkeit. Sie bauen um. Geben Rabatte auf Dinge die niemand braucht. Und Steuererleichterungen gibt es auch. Weil Umbau…theoretisch gleich Umsatzausfall in bestimmten Segmenten. Macht nix. Ging/gehe ich halt in ein anderes Geschäft. Lerne neue Produkte und Menschen kennen. Andere Mitarbeitende und dergleichen mehr. Im ersten Moment nervt es. Aber dann. Kein Problem. Solange wir in unserer Region keine Flut haben. Nicht über Grenzen klettern müssen…stört mich so etwas nicht. Wir müssen nur unsere liebgewonnen Gewohnheiten überarbeiten.

  2. Bei uns wird das auch z.B. von Aldi und Lidl praktiziert. Dabei werden nicht nur die “Produktblöcke” (z.B. alkoholische Getränke oder Waschmittel) innerhalb des Ladens versetzt, sondern die einzelnen Bereiche werden darüber hinaus auch noch auseinander gerissen. Schnaps zwischen Maggi-Sosse und Schnaps bei Kosmetikartikeln etc. Alles, um die Verweilzeit herauf zu setzen und weil die meisten mit den Augen kaufen und nicht nach einem Einkaufszettel. Ich empfinde das auch als Terror.

  3. Vielen Dank für die dramatisch-realistische Geschichte. Ich bin der Spaziereinkäufer, wandere gemessenen Schrittes durch die Regale und schaue immer mal wieder, was es Neues gibt, also wegen mir, müsste man nichts neu ordnen. Ergo gibts die Stürmer und Dränger und die Kaufwandler und wegen beiden müsste man keine Neuordnung machen und die Frage sei erlaubt: Wozu das Ganze?

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