Werden, wer man ist

Seit ich sieben bin, weiss ich, dass ich eine Schriftstellerin bin. Ich habe seit da auch immer etwas geschrieben, mehr noch habe ich nach Themen gesucht, über die ich schreiben könnte, aber sie stellten sich nicht ein. Ich überlegte mir, was mich interessiert, was andere interessieren könnte. Und manchmal begann ich sogar mit viel Elan zu schreiben. Doch dann versandete erst der Elan und dann der Schreibfluss und am Schluss das ganze Interesse am Thema. Und so sitze ich nun hier, 40 Jahre später, bin immer noch Schriftstellerin ohne Buch und suche. Nach dem einen Buch, das von mir geschrieben werden will. Nun finde ich es natürlich nicht toll, dass sich dieses Buch nicht bei mir meldet. Zumindest könnte es eine Idee schicken, aus der ich dann das Buch schreiben könnte. Aber: Nichts. Keine Idee.

«Was machst du?»
«Ich denke nach.»
«Worüber?»
«Was ich schreiben soll.»
«Was willst du denn schreiben?»
«Das weiss ich eben nicht.»
«Wieso willst du es denn schreiben?»
«Weil ich eine Schriftstellerin bin.»

Ich merkte schon beim Aussprechen dieses letzten Satzes, dass er komisch klingt. War ich ein Aufschneider? Einer, der die Lorbeeren sammelt für etwas, das er nicht getan hat? Heisst Schriftsteller sein nicht auch Bücher veröffentlichen? Und was hatte ich? Nichts. Kein Buch. Kein gar nichts. Ein paar Gedichte vielleicht. Anfangs von Herzen und Schmerzen beseelt, später etwas hochstehender, aber ein Rilke ist an mir auch nicht verloren gegangen. Und so habe ich immer wieder mit dem Gedichteschreiben aufgehört. Um dann auch wieder damit anzufangen, immerhin ging das irgendwie. Und es kamen Worte aufs Papier. Und das fühlte sich dann so an, als ob ich wäre, was ich bin. Die Selbstzweifel haben sich dann schnell wieder gemeldet.

Da gab es mal ein Romanprojekt. Ich hatte einfach alles, was ich je erlebt habe in meinem Leben, zusammengeschrieben, damit es etwas origineller erschien, noch ein paar passende Gedichte an passende Stellen eingefügt und fertig war die ganze Sache. Dass es mich dann doch nicht so überzeugt hat, liegt wohl daran, dass ich besser erkenne, ob ein Roman gut ist oder nicht, als dass ich einen wirklich guten selber schreibe. Das Erkennen des Romans ist quasi mein Beruf und das klappt ganz gut. Ich weiss sogar theoretisch, wie man einen schreibt, wie man dabei vorgeht, was man beachten sollte. Aber eben, Theorie ist Schall und Rauch und macht noch keinen Roman.

Ich habe auch mal einen Kurs besucht, in dem es hiess, man lerne Schreiben. Und die, welche ihn gab, konnte das auch, schliesslich hatte sie im Gegensatz zu mir schon Bücher veröffentlicht. Ich fand die zwar toll, aber noch toller fand ich sie als Person und der Kurs war in meiner Nähe. Schreibt einfach drauf los. Meinte sie. Ohne zu denken. Schon die erste Hürde. Nicht denken. Das konnte ich kaum. Irgendwie dachte es meist mit mir. Irgendwas schwirrte ständig durch den Kopf und so sehr ich mich auch bemühte, es ging nicht weg. Und wenn es weg ging, dann kam bestimmt gleich etwas Neues. Und das ging dann immer so weiter. Und je mehr ich mich bemühte, der Gedanken Herr zu werden, sprich, sie los, desto mehr kamen die. Irgendwie hatten sich die gegen mich verschworen oder es gefiel ihnen in meinen Hirnwindungen. Vielleicht weil sie da so schön drehen konnten.

Ich schrieb dann trotzdem drauf los. Und was soll ich sagen: Es kamen auch Worte zu Papier und ich kam vom Hundertsten zum Tausendsten und drehte und kam zurück und erkannte in allem keine Geschichte. Irgendwie. Und irgendwie doch. Mit der Zeit hatte sich ein Fluss eingestellt und ich hatte etwas gefunden, woran ich blieb und das ich ausbaute. Und als die vorgegebene Zeit um war (wir sollten ja nicht unendlich lange unendlich viel schreiben, so gedankenlos, wo führte das auch hin?), waren doch einige Seiten vollgeschrieben und ich fühlte mich wie eine richtige Schriftstellerin. Es war noch kein Buch, aber he, alles fängt mal klein an, ein Buch auch mit einigen Seiten.

«Was machst du?»
«Ich denke immer noch nach.»
«Worüber?»
«Was ich schreiben soll.»
«Und hast du schon etwas gefunden?»
«Nein, sonst würde ich nicht mehr denken, sondern schreiben.»
«Wieso schreibst du nicht einfach das auf, was du denkst?»
«Das ist eine gute Idee.»

2 thoughts on “Werden, wer man ist

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